Der Narr (1)

Alexandra Barl

von Alexandra Barl

Story

In einem Eck neben dem Thron hockt der Narr. Sein Rücken ist dem König zugewandt, sein Blick schweift über die Menschen, die eng gedrängt den Thronsaal füllen. Sein Gesicht liegt halb im Schatten, halb im gleißenden Sonnenlicht: Ein Mundwinkel, der sich in einem scharfen Bogen nach oben zieht; ein Auge, dass tückisch funkelt. Der Rest liegt im Dunkeln.

 Vor dem Thron steht der Verräter. Seine Schultern hängen, sein Nacken ist gebeugt. Er hat gesprochen, und er weiß, dass sein Schicksal besiegelt ist. Gestern noch war er der vertrauteste Berater des Königs. Heute ist er, unumkehrbar, der Erzfeind, der Halunke. Der Schandfleck, der das Wort des Königs missachtet hat, der die Ideale des Landes verraten hat.

Der König wird sein Urteil sprechen.

Der Hof wird lauschen.

Der Hof wird jubeln.

Für eine Hinrichtung nicht weniger als für eine Begnadigung.

 Der Narr lauert. Sein Blick schweift unermüdlich über die Menge, bleibt an diesem Gesicht hängen, verweilt auf einem Stirnrunzeln, schwirrt über ein Lächeln hinweg. Weder der König noch der Verräter nehmen von ihm Notiz.

 Doch dem versammelten Hof scheint es, als ob der Narr sich langsam vor ihnen manifestiert. Wo gerade nichts als ein Schatten lag, zeichnet das Licht das Gesicht des Narren jetzt in scharfen, kantigen Linien. Und sein Erscheinen hat Bedeutung. Wären die Menschen im Saal Hunde, sie würden ihre Nasen in den Wind strecken – er bringt eine Andeutung, nein, ein Versprechen von Blut.

 Der König spricht.

Der Narr kauert im Eck, die langen, dürren Beine eng an den Körper gezogen. Sein gekrümmter Rücken ist gespannt wie ein Bogen, kurz bevor der Pfeil sich löst. Die Luft scheint zu flimmern wie über dem heißen Herz einer Flamme.

 Die Menge wird unruhig. Der König spricht: Aber die Worte des Königs fallen ungehört auf den steinernen Boden, verflüchtigen sich. Verdampfen. Ein Augenpaar nach dem anderen verfängt sich im bösen Grinsen des Narren.  Die Männer und Frauen im Saal hüsteln und flüstern, verlagern ihr Gewicht und beißen sich auf die Lippen. Sie winden sich in lüsterner Erwartung dessen, was jetzt folgen muss: Jeden Moment wird sich die unbändige Energie des Narren entladen.

Gleich …

Das Gesicht des Narren schiebt sich vollends ins Licht. Blicke flattern zu ihm wie Motten in eine Flamme.

Jetzt.


© Alexandra Barl 2024-02-12

Buchkategorie
Spannung & Horror
Stimmung
Herausfordernd, Dunkel, Emotional, Mysteriös
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