von Bernhard Fellner
Der Tian’anmen-Platz oder Platz am Tor des himmlischen Friedens liegt im Zentrum von Peking, der Hauptstadt der Volksrepublik China. Mit einem Ausmaß von rund 40 ha ist er der größte befestigte Platz der Welt. An der Nordseite steht das Tian’anmen, das Eintrittsportal zu dem, was sich jeder Mensch anders vorstellt: Zum sogenannten Himmlischen Frieden… Dieses Areal war traditionell eine gewaltige und wichtige Demonstrationsstätte.
Am 3. und 4. Juni 1989 versammelten sich dort unzählige Studenten zu einer Protest- und Demokratiebewegung. Am 4.Juni beschloss die “Obrigkeit”, die Demonstranten gewaltsam zu vertreiben. Auf dem Areal selbst gab es keine Toten, aber in anderen Teilen der Stadt mehrere Tausend. Legendär wurde ein chinesischer Student, der sich im “Alleingang” den Panzern entgegenstellte. Er trug in jeder Hand eine Einkaufstüte. Im chinesischen Sprachraum wird für dieses Vorkommnis die Bezeichnung “Zwischenfall vom 4. Juni” verwendet.
Der junge Mann stellte sich ganz allein und ohne jede Unterstützung gegen den mächtigen Panzer. Zunächst wollte dieser an ihm vorbeifahren. Aber nochmals gelang es dem Studenten, den Panzer anzuhalten. Er kletterte daraufhin auf das Kriegsgerät und begann mit den Soldaten zu diskutieren. Nachdem ihn diese abgeschüttelt hatten, wurde der einsame Held laut Zeugenaussagen von vier Männern in die Menge gezerrt. Bis heute gibt es nur Vermutungen über das weitere Schicksal dieses Mannes: Entweder waren es Freunde, die ihn in Sicherheit bringen wollten, oder Feinde, die ihn verhafteten und ins Gefängnis verbrachten. Es gibt sogar Gerüchte, dass der Tank-man (Panzer-Mann) oder auch UNKNOWN REBEL hingerichtet wurde… Ist er durch das Tor des himmlischen Friedens (hinter dem die “Verbotene Stadt” beginnt) gegangen? Auf jeden Fall ist dieses Beispiel zivilen Ungehorsams einzigartig und der anonyme Student ist durch seinen exemplarischen Mut unsterblich geworden…
Dass es gefährlich ist, in die Fänge einer Diktatur zu geraten, sehen wir diese Tage an den erschütterten Videos über den jungen Journalisten Roman Protasevich. Noch einen anderen Namen möchte ich in diesem Zusammenhang erwähnen. Es ist jener von JAN PALLACH. Auch er hat seinen demokratischen Protest zur Spitze getrieben. Im Zentrum von Prag, der Hauptstadt von Tschechien, liegt ein großer Platz – der WENZELPLATZ. Mitten in dieser Parkanlage, gesäumt von vornehmen Geschäften und großen Banken, befindet sich das Denkmal von Jan Pallach. Er wollte gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes protestieren und tat dies in einer gnadenlos konsequenten und selbstaufopfernden Weise:
Am 16. Jänner 1969 verbrannte sich der Student mitten auf dem Wenzelplatz. Und auch er wurde durch diese Tat unsterblich. Übrigens folgte ihm JAN ZAJÍC einen Monat später auf die selbe Weise. Nicht alle haben die Konsequenz und den Mut der Helden, die ich dargestellt habe. Aber zuschauen sollte für jeden zu wenig sein!
© Bernhard Fellner 2021-06-04