von Joesinlei
Ich kann mich nicht mehr daran erinnern als ich das erste Mal einen Schneemann gebaut habe. Aber ich kann mich an den letzten erinnern, den ich gebaut habe. SchneemĂ€nner sind etwas Faszinierendes. Man steckt so viel Zeit und KreativitĂ€t in sie. Man sitzt in der KĂ€lte, die Backen rot verfĂ€rbt, die Nase lĂ€uft und die Finger und Zehen frieren, aber man geht nicht eher in die warme Stube, bis man ihn fertig hat. Und das, obwohl man weiĂ, dass er nicht ewig hĂ€lt. Morgen wird er vielleicht schon schmelzen und ĂŒbermorgen ganz weg sein, und dann ist die NĂ€sse an der Stelle, wo das Wasser versickert ist, der einzige Ăberbleibsel. Warum baut man also einen Schneemann? Warum steckt man so viel Energie in etwas so VergĂ€ngliches? Die Antwort ist einfach: Weil alles vergĂ€nglich ist. Der Schneemann ist nur eins von Milliarden Opfern der VergĂ€nglichkeit. Doch er hinterlĂ€sst Spuren, wie alles Spuren hinterlĂ€sst und wenn es auch nur eine kleine nasse Stelle auf dem Boden ist und eine braunorangene Möhre. Sie sind da. Zeugen dessen, was da war, bevor die WĂ€rme gekommen ist. Doch nicht nur sichtbare Spuren erinnern an die Vergangenheit. Denn es gibt auch unsichtbare Spuren, und die sind am wertvollsten. Es sind die Erinnerungen. Sie brennen sich in unseren Kopf und bleiben dort, auch wenn der Schneemann schmilzt. Freude, Freiheit, Geborgenheit, sie alle verbinden sich in unserem GedĂ€chtnis zum Bild des Schneemanns und dort bleibt er am Leben. Nicht fĂŒr immer aber doch eine kleine Ewigkeit lang. Und verglichen mit der Unendlichkeit des Vergessens ist es nicht viel. Aber das muss es auch nicht sein. Es ist eine RuhestĂ€tte, eine Oase, auf die man immer zugreifen kann. Und egal wie alt ich gerade bin und wo ich im Leben stehe, wenn es schneit und ich einen Schneemann bauen kann, fĂŒhle ich immer dieselbe Freiheit und Freude. Es ist zwar immer ein anderer Schneemann. Aber das was ich mit ihm verbinde, und die GefĂŒhle, die er in mir auslöst, sind immer die gleichen und somit ist da ein StĂŒck Vergangenheit, auf das ich immer zugreifen kann. Die Vergesslichkeit und die VergĂ€nglichkeit werden gesammelt und angehalten. Ja selbst die Zeit steht still, wenn ich im Schnee sitze und einen neuen Schneemann baue, der in meinen Erinnerungen Teil eines Puzzles von hundert SchneemĂ€nnern wird, die ein Bild ergeben. Und diese vielen, kleinen Momente, die sich zu einer Erinnerung zusammenfĂŒgen, die so mĂ€chtig und erwĂ€rmend ist, dass sie alle Schatten vertreibt und mich dazu bringt in der KĂ€lte zu sitzen und doch nicht zu frieren, das sind die Momente, die das Leben lebenswert machen und ihm Bedeutung verleihen, die, die der VergĂ€nglichkeit das beĂ€ngstigende nehmen und einem eine kleine Unendlichkeit in der VergĂ€nglichkeit schenken.
© Joesinlei 2021-02-19