Der Schnuller im Beton

Stefan Fröhlich

von Stefan Fröhlich

Story

Gerade hatten sich meine Eltern ein altes Bauernhaus im Waldviertel gekauft. Es gab nur wenige Räume: Küche, Wohn- und Badezimmer. Es musste also um- und dazu gebaut werden. Der Wahnsinn durfte beginnen.

Aufgrund von behördlichen Auflagen und nicht zuletzt der Kosten, musste versucht werden, das Wohngebäude durch die Nutzung der bereits bestehenden angrenzenden Gebäude zu vergrößern. Gleich an das alte Haus, grenzte ein gemauerter Kuhstall an. War es möglich aus diesem ehemaligen Stall zwei Schlafzimmer zu schaffen? Nach einigem hin und her stellte sich heraus: Ja! Es war möglich! Die Bauarbeiten konnten beginnen.

Der Stall wurde entkernt. Ein Fundament gegossen. Mauern wurden niedergerissen und hochgezogen. Staub, Dreck und Lärm. Aus den entspannten Wochenenden wurden für meine Eltern harte Arbeitstage. Geld für Handwerker war kaum vorhanden. Es musste so weit wie möglich selbst angepackt, und Lösungen selbst gesucht werden: Im Elternschlafzimmer ist kein Platz für ordentliche Fenster? Egal! Mit nur kleinen Fenstern zieht es weniger!

Zur selben Zeit kam die Diskussion auf, ob ich mit vier Jahren nicht zu alt sei, um Nachts mit einem Schnuller zu schlafen. Verstohlen beobachtete ich meine Eltern, wenn sie über dieses Thema sprachen. Sie wollten mir meinen geliebten Schnuller wegnehmen! Lange diskutierten sie, wie sie mich wohl am besten von meiner Nuckelsucht befreien könnten. Eines war klar: Freiwillig würde ich ihn nicht hergeben.

An einem Samstag fuhren wir zum Einkaufen in die Kleinstadt Gföhl. Wir schlenderten über den Markt, welcher gerade am Hauptplatz stattfand. Plötzlich sah ich es! Das wundervollste Spielzeug meines bisherigen Lebens! Ein Handy! Mit echten Tasten, die einen Ton von sich gaben. Ich war hin und weg! Begeistert! Ich musste es haben. Am verschmitzten lächeln meiner Eltern, hätte ich ahnen müssen, dass ich diesen unfassbar tollen Gegenstand nicht einfach so bekommen würde.

“ Du bekommst das Handy, wenn Du uns heute Abend Deinen Schnuller gibst. Wir schenken dir das Handy und du gibst uns den Schnuller. “

Ein gemeiner Trick sollte es werden! Unwissend willigte ich ein und bekam das Spielzeug. Tatsächlich musste ich, als wir zu Hause ankamen, meinen Schnuller abgeben. Der Abend wurde zum Horrortrip! Sehnsüchtig wollte ich den Schnuller wieder haben. Ich weinte. Ich bettelte. Alles vergebens. Irgendwann schlief ich verheult ein. Man hatte mich auf kalten Entzug gesetzt.

Am nächsten Morgen fragte ich schüchtern, ob ich nicht vielleicht heute Nacht den Schnuller wiederhaben könnte. “ Den haben wir heute Nacht im neuen Schlafzimmer einbetoniert “, antwortete meine Mutter auf diese Bitte. Traurig spielte ich mit meinem Handy, aber wirkliche Freude, konnte ich an diesem Spielzeug nie haben.

Jahre später erfuhr ich, dass sie den Schnuller hinten im Kleiderschrank versteckt hatte, für den Fall, dass sie nicht stark genug gewesen wäre, mein Jammern auszuhalten.

© Stefan Fröhlich 2021-03-01

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