Der Sprung ins kalte Wasser

Margit Laufer

von Margit Laufer

Story

Was passiert, wenn ich es nicht schaffe? Tausend Gedanken rasen durch meinen Kopf, wĂ€hrend ich in meinem Bett liege und die Decke anstarre, die ich gar nicht sehen kann, weil es stockdunkel im Schlafzimmer ist. Ich sehe nur das kleine rote LĂ€mpchen vom Fernseher. Meine Gedanken hören nicht auf sich im Kreis zu drehen. In meinem Bauch habe ich dieses mulmige GefĂŒhl, zwischen Anspannung und Bauchschmerzen.

Es ist wie damals beim Pyramidenkogel am Wörthersee, doch da kam auch noch große Angst dazu. Schon als mein Freund und ich ankamen, sahen wir, dass eine Zip Line vom Turm bis zum Parkplatz gespannt war, auf der man sich abseilen konnte. „Das machen wir“, sagte mein Freund sofort begeistert. „Ja genau, das kannst du gerne machen, aber ohne mich“, erwiderte ich. Keine zehn Pferde wĂŒrden mich auf diese Zip Line bringen, ich hatte doch Höhenangst und noch dazu wĂŒrden alle zusehen, so wie wir jetzt von unten Richtung Himmel blickten. An der Kassa hörte ich plötzlich „Zwei Erwachsene und zwei Mal Zip Line bitte“. WAS? Nein, auf gar keinen Fall! Doch Widerstand war zwecklos, er hatte bereits bezahlt. Na gut, noch waren wir ja nicht oben. Ab diesem Zeitpunkt war an ein Genießen der Aussicht nicht mehr zu denken. „Schau wie schön es hier ist und wie weit man sehen kann“, erklĂ€rte mir mein Freund am höchsten Punkt der Plattform. Ja, ja, wunderschön – als ob das einen Unterschied machte, wenn man wenige Minuten spĂ€ter in den Tod stĂŒrzt. Kurz darauf kamen wir bei der Zip-Line an. Ein PĂ€rchen seilte sich gerade ab, mit dem RĂŒcken voraus. Ganz genau beobachtete ich, wie gesichert wurde. „Wer ist der nĂ€chste?“, fragte der junge Bursch, der die Zip Line betreute. „Wir machen das, wenn sonst niemand will“, freute sich die Stimme neben mir. NatĂŒrlich! Ausgerechnet! Uns wurden Gurte angelegt und dann standen wir schon vor dem Abgrund. Ich klammerte mich an das Seil, an dem mein Leben hing. „Auf Wiedersehen Welt“, dachte ich mir, „morgen steht in der Zeitung ‚PĂ€rchen verunglĂŒckt beim Abseilen von Aussichtsplattform‘“. Abstoßen und schon ging es in die Tiefe. Unten angekommen packte mich eine Welle des Stolzes. Ich war ĂŒberglĂŒcklich, fĂŒhlte mich unbezwingbar.

Und daran erinnerte ich mich, als ich in meinem Bett lag. Es gab eigentlich keinen Grund Angst zu haben. “Sei mutig und vertraue, dass es gut wird”, dachte ich. Es fĂŒhlte sich an, wie dieser Moment, als ich mich von der Plattform abgestoßen habe. Der Sprung ins kalte Wasser, oder in den freien Fall. Raus aus der Komfortzone, hinein in die Erfahrung, die mir dann niemand mehr nehmen kann. Was nicht in meiner Hand liegt, kann ich sowieso nicht beeinflussen. But what if I fall?But Darling, what if you fly?

© Margit Laufer 2021-08-23

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