von Ulrike Sammer
Ich bin in der Nachkriegszeit aufgewachsen und habe es erlebt – die ErschĂĽtterung, dass der brennende Dachstuhl vom Stephansdom eingestĂĽrzt war und Ă–sterreichs größte Glocke, die „Pummerin“ am Boden zerschellte.
Das Drama um „Notre Dame“ in Paris hatten wir Wienerinnen und Wiener schon viele Jahre vorher erlebt und wir waren fassungslos! Es traf alle bis ins Mark! Ihr geliebter „Steffl“ – so schwer beschädigt!
Was war geschehen?
Die Bombenangriffe während des Zweiten Weltkriegs sowie die Kämpfe im Stadtgebiet überstand der Stephansdom ohne größere Schäden. Am 6. April 1945 durchschlug jedoch eine Bombe das Gewölbe des südlichen Seitenschiffes.
In der Nacht zum 12. April 1945 brannten der Lärchenholz-Dachstuhl und der Glockenturm des Stephansdoms vollständig ab bzw. aus. Während danach über Jahrzehnte die Erzählung verbreitet war, „die Russen“ hätten den Dom in Brand geschossen, daneben auch, es wäre deutscher Beschuss gewesen, ist aus Augenzeugenberichten bekannt, dass das Feuer von umliegenden Gebäuden, in denen Plünderer Feuer gelegt hatten, auf den Dom übergriff. Durch die vorangegangenen Gefechte waren Löcher im Domdach entstanden; der Funkenflug konnte durch diese in den Dachstuhl gelangen und ihn entzünden. Die Kampfhandlungen während der „Schlacht um Wien“ verhinderten effektive Löscharbeiten. Die beiden großen Wasserleitungen des Doms waren bei einem amerikanischen Bombenangriff am 12. März 1945 zerstört worden. In der Nacht auf den 12. April 1945 stürzte die im Nordturm hängende Glocke ins Querhaus. Der brennende Glockenstuhl mit der Pummerin brach nachmittags zusammen. Die Glocke zerschellte auf der Gewölbeöffnung im Boden der Glockenstube, der Großteil ihrer Bruchstücke fiel durch die Öffnung in die Turmhalle und zerschlug dort. Auch die beiden anderen Glocken aus dem südlichen Heidenturm, stürzten ab. Die wertvolle Orgel von 1886 verbrannte, nachdem Glut aus dem Dachstuhl durch eine Öffnung im Gewölbe in sie hineinfiel. In den Morgenstunden des 13. April stürzte eine 16 m hohe Stützwand im Dachstuhl ein und zerschlug dabei mehrere Gewölbe des Mittel- und Südchores. Das Grabmal Friedrichs III. blieb dank einer Einmauerung fast unbeschädigt. Im November 1947 stürzten die bis dahin erhalten gebliebenen Gewölbe des südlichen Chorraums ein.
Der Wiederaufbau des Stephansdoms, der unter anderem durch zahlreiche Spenden aus der Bevölkerung finanziert wurde, begann sofort nach dem Kriegsende. Der Stahl-Dachstuhl wurde 1950 fertiggestellt. Die feierliche Wiedereröffnung erfolgte 1952 mit dem Einzug der neu gegossenen Pummerin.
Bei einer Führung, die ich vor ein paar Jahren mitmachte, konnte ich auch den neu erstandenen gewaltigen Stahldachstuhl bewundern. Obwohl das Gewölbe schon sehr hoch ist, ahnt man nicht die immensen Ausmaße, die noch darüber sind.
Der Stephansdom ist voll von Geheimnissen auf allen Ebenen. Über sie werde ich nachfolgend erzählen.
© Ulrike Sammer 2022-05-21