Der Streit und die versalzene Suppe

Sarah Kuper

von Sarah Kuper

Story

Ich kämpfte mit den Tränen. Soeben hatte ich den schlimmsten Streit meines achtjährigen Lebens. Stina und ich wollten wie immer zusammen von der Schule nach Hause laufen. Der Weg war nicht weit, aber er führte an der schnellen Straße entlang und außerdem war es zu zweit immer schöner. Wenn wir genug Zeit hatten und ein bisschen Taschengeld übrig war, dann holten wir uns an dem roten Kaugummiautomaten noch ein kugelrundes Kaugummi.

Doch heute gerieten wir noch im Klassenzimmer in einen heftigen Streit. Ich weiß gar nicht mehr, wer angefangen hatte oder worum es ging. Ich weiß nur, dass ich bitterböse auf Stina war und dass ich lieber ohne sie gegangen wäre. Stattdessen stampften wir wütend nebeneinander her, schrien uns an und schubsten uns gegenseitig in die Nachbargärten. „Du bist so ein Ekelpaket!“, rief Stina. „Du bist ein Holzkopf und eine richtig blöde Kuh!“, schrie ich zurück. Noch nie war ich so wütend gewesen!

Ich klingelte zu Hause und erzählte Papa tränenüberströmt von dem Streit. Papa guckte besorgt und ernst. „Möchtest du vielleicht zu Stina gehen und dich entschuldigen?“, fragte er, als ich ein bisschen weniger schluchzte. ICH sollte mich entschuldigen? Lieber würde ich meine ganze Knete essen und meinem Bruder das gesamte ersparte Taschengeld für Kaugummis geben. Was sollte ich denn jetzt machen? Ich fühlte mich elend.

Als ich gerade protestieren wollte, hatte Papa schon die Tür geöffnet und wartete, dass ich mitkam. Widerwillig trottete ich hinter Papa her zu Stinas Haus auf der anderen Straßenseite. Stinas Mama öffnete die Tür. Es roch nach Suppe und sie fragte mich und Papa, ob wir mitessen wollten. Ich hatte keine Wahl und außerdem mordsmäßigen Hunger.

Wortlos setzten wir uns an den Küchentisch. In der Mitte dampfte eine große Schüssel mit Nudelsuppe und kleinen Fleischklößchen. Stina saß mir gegenüber. Mir war gar nicht wohl und ich traute mich auch nicht Stina anzusehen.

Ich nahm den Löffel und tauchte ihn in die Suppe. Irgendwie schmeckte die Nudelsuppe seltsam. Ich probierte noch einen Löffel und verzog mein Gesicht. Die Suppe war viel zu salzig. Ob Stina das wohl auch bemerkte?

Als ich aufschaute, blickte ich direkt in Stinas Augen. Ihr verzerrtes Gesicht bestätigte, dass wir dieselbe Suppe bekommen hatten. Gleichzeitig prusteten wir los. Wir konnten uns vor Lachen nicht mehr auf unseren Stühlen halten. Auch Papa und Stinas Mama mussten lachen. Ich vergaß, dass ich Hunger hatte und dass ich eigentlich wütend sein wollte.

Stina und ich lachten noch Tage später über die versalzene Suppe. Aber den schlimmsten Streit unseres achtjährigen Lebens erwähnten wir nie wieder.

© Sarah Kuper 2022-08-02

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