Der Typ am Klavier

Susanne Paulus

von Susanne Paulus

Story

Damals saß ich fast jeden Abend in einem anderen Wohnzimmer. Wenn ich allein sein wollte, weder Lust auf Smalltalk noch auf Intellektuellenquatsch oder Liebesgeflüster hatte, aber unter Menschen sein wollte, machte ich es mir gerne in einem der zahlreichen Wiener Kellertheater gemütlich. Als Studentin bekam ich die Karten zu einem Pappenstiel oder sie lagen an unserem Institut gratis auf, wenn genug übrig waren. Die meisten dieser kleinen, feinen Theater kannte ich gut, hatte den Blick auf die Bühne bereits von allen möglichen Sitzpositionen aus erprobt und konnte bei so manchem Schauspieler anhand von Darbietung, Stimmlage und Körperhaltung die Tagesverfassung erkennen. Der Vergleich zwischen verschiedenen Vorstellungen desselben Stücks bereitete mir besonderes Vergnügen und schärfte meine Wahrnehmung theatralischer Details. Die räumliche Nähe, der unmittelbare Energie- und Gefühlsaustausch zwischen Künstlern und Publikum schaffte eine fast private, dichte, sinnliche Atmosphäre, die mich immer wieder anzog, nach der ich nahezu süchtig war.

Ob es ein Brecht-Stück oder eines von Jura Soyfer war, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls mit Musikbegleitung. Das Piano stand abseits der Bühne, im Dunkeln. Leichthändig gespielte, perlende Töne aus dem Off, die Handlung dezent und wirkungsvoll begleitend. Ich hörte sie und auch wieder nicht, denn ich war bei der Sprache, den geschriebenen Worten, die vor meinen Augen mit Leben, mit Atem, Herzschlag, Schweiß und Tränen erfüllt wurden. Das ist für mich Theater.

Es war Pause. Ich stand irgendwo rum und las etwas. Da es damals noch keine Handys gab, wird es wohl das Programmheft gewesen sein. „Hey!“ Ich blickte auf. „Wie gefällt’s dir?“ – „Gut! Und dir?“ – „Ich sehe es jeden Tag. Ich bin der Typ am Klavier.“ Schulterlanges Haar, lässiges Outfit, schöner, lächelnder Mund, große, blaue Augen, schmale Klavierspielerhände, die eine Bierflasche hielten. – Alles unwichtig! Ich bat ihn: „Sag es nochmal!“ – „Was?“ – „Das mit dem Klavier.“

Dieser Akzent! Unvergleichlich! Wenn ein Brite Deutsch spricht … – Da kann er sagen, was er will. Von „Wie spät ist es?“ bis „Du siehst toll aus!“ … – Egal! Ich wollte, ich musste mehr von ihm hören!

In den nächsten Wochen erzählte er mir noch einiges. Wir unterhielten uns über Musik, Theater, bildende Kunst, über die Welt, wie wir sie sahen und erlebten. So sehr tauchte ich ein in dieses Universum, dass ich schon mal vergaß, wo ich meinen hellblauen VW-Käfer geparkt hatte. Er spielte Klavier für mich und erklärte mir seine Kompositionstechniken. Er hat mir die Musik nähergebracht.

Nun ist mir seine CD in die Hände gefallen. Auf dem Coverbild, wo er so dasteht wie damals im Theater, ist mit blauer Tinte geschrieben „Specially for Susie, Love, P. ”

Das Internet verrät mir, dass er promoviert hat, ein international anerkannter und preisgekrönter Komponist geworden ist und an der Wiener Musikuniversität lehrte.

Für mich bleibt er der „Typ am Klavier“.

© Susanne Paulus 2022-02-03

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