Der zur Ruhe gekommene Drache

Christine Sollerer-Schnaiter

von Christine Sollerer-Schnaiter

Story
Japan 2023

In vielen Tempeln und Heiligtümern begegne ich Drachen – gemalt, aus Holz geschnitzt, in Stein gemeißelt. Auch Kimonos und Wandteppiche sind übersät mit diesem Fabeltier. Nicht verwunderlich – ich bin in einem Land, in dem Drachen göttlich sind und weise. Sie sind positive Wesen und dem Menschen freundlich gesonnen. Sie werden mit Stärke, Kraft und dem Guten in Verbindung gebracht. Fremdartig sehen sie aus mit ihrer zotteligen langen Schnauze, gekrönt von einer großen warzenartigen Nase. Sie schwirren durch die Luft, tanzen unter Wolken und tauchen aus den Tiefen der Schluchten und Meere auf. Sie sind die Herren über Regen, Wind und Wasser. Drachen sind auch Symbole der kaiserlichen Herrschaft.

Wie besuchen den Tempel des zur Ruhe gekommenen Drachen – Ryoanji-Tempel in Kyoto. Dieser Name hat mich begeistert. Kenne ich doch eher die bösen, feuerspeienden, Schätze und Prinzessinnen bewachenden Ungeheuer. Auch in der christlichen Mythologie versinnbildlicht der Drache das Böse und wird vom Hl. Georg und der Hl. Margaretha besiegt. In einer Sage meiner Heimatgemeinde hat ein Drache dazu geführt, dass das ganze Tal fast ausgestorben ist. Umso besser gefällt mir, dass hier in diesem traumhaft schönen Garten der zur Ruhe gekommene Drache residiert und von einem großartigen Künstler an die Wände und Decken des Tempels gemalt wurde. Er schwebt durch die Wolken, verschmilzt mit ihnen und blickt auf einen kleinen meditativen Zen-Garten aus Sand und Steinen. Dazu gibt es eine Geschichte: Ein Zen-Abt beauftragt einen berühmten Maler mit einem Drachenbild. Der Maler ist sich seiner Sache nicht sicher, da er noch nie einen Drachen gesehen hat. Der Abt gibt dem Künstler daraufhin den Rat, selbst zu einem Drachen zu werden. „.konzentriere deinen Geist darauf. Die Zeit wird kommen, wo du fühlst, dass du einen Drachen malen musst. Das ist der Augenblick, wo du zum Drachen geworden bist und der Drache dich drängt, ihm Gestalt zu verleihen.“ (religion-in-japan.univie).

Einen Kunstdruck dieses Drachen brachte ich meinem Mann als Mitbringsel!

Ein grimmig-lustiger Drache aus Stein spendete mir Wasser zur Reinigung beim Kiyomizu-Tempel. Vor dem Eingang zu Tempeln und Schreinen findet man immer einen Brunnen, um sich vor dem Betreten des Heiligtums zu reinigen. Das ist ein vorgeschriebenes Ritual: du nimmst die Holz-Kelle in die rechte Hand, schöpfst sie voll Wasser und schüttest ein wenig davon über deine linke Hand. Das machst du vor dem Wasserbecken, sodass kein verschmutztes Wasser in das Becken gerät. Dann nimmst du die Kelle in die linke Hand und reinigst die Rechte. Wiederum nimmst du die Kelle in die rechte Hand und schüttest wenig Wasser in die gereinigte linke Hand. Damit spülst du deinen Mund aus (dieser Schritt wird oft nur angedeutet, da das Wasser nicht immer sauber ist). Trinke nie direkt aus der Schöpfkelle! Noch einmal reinigst du deine linke Hand, die Kelle hältst du mit deiner Rechten. Dann bringst du die Kelle in eine senkrechte Position, sodass das restliche Wasser über den Griff läuft, um diesen zu reinigen, bevor du sie zurücklegst für den nächsten Besucher. Nun bist du rein, um den Göttern gegenüberzutreten. 

© Christine Sollerer-Schnaiter 2023-11-19

Buchkategorie
Reise, Spiritualität
Stimmung
Abenteuerlich, Emotional, Komisch, Informativ, Inspirierend