von Sabine Almhofer
Die morgendliche Gassirunde mit Bob ist punkto Idylle kaum zu überbieten. Zu unserer Rechten höre ich ein fröhliches „Määäh“, ein paar Meter weiter zu unserer Linken grast ein Damenkränzchen an glücklichen Kühen, die im Luftkurort Bad Goisern frische Landluft einatmen und neben saftigem Gras, nährstoffreichem Klee auch knackige Margariten wiederkäuen. Sollte es ihnen zu warm werden, können sie sich im Wald ein kühles Schattenplätzchen suchen. Bob wirft einen skeptischen Blick Richtung Kühe: „Schnell weg hier“.
Trotz des Aufschreis meiner Füße, wurden sie in brandneue Bergschuhe gequetscht, die ihr langweiliges Dasein bereits ein Jahr durchgehend im Schuhschrank fristeten. Das Jahr scheint ein besonders langes gewesen zu sein, denn mir ist beim Öffnen der „Salewa-Schachtel“ vor Überraschung fast die Brille von der Nase gefallen. Wow, was für eine coole Farbe. Ich hatte die Schuhe „beige“ in Erinnerung und erfreue mich der attraktiven Optik in Türkis mit neongelben Schuhbändern. Trotzdem stellt die Umstellung auf neue Bergschuhe einen Alptraum für jeden Alpinisten, Wanderfreund oder Bergsteiger dar. Mein rechter Fuß jammert still über diverse Druckstellen und ich bin gewillt umzukehren oder barfuß des Weges zu schreiten, was sich nur in meiner blühenden Fantasie angenehmer gestaltet und von kurzen spitzen Aua’s begleitet wäre. Ich will dem modernen neuen Paar eine faire Chance zugestehen. Immerhin hat mein gutes altes Raichle-Paar die eigenhändige Reparatur mit Industriekleber nur bedingt gut überstanden und auch eine Retro-Stierdame sollte nach 20 Jahren eine Veränderung zulassen können, oder nicht?
Meine Gedanken lösen sich immer noch schwer von meinem rechten Fuß, an dem der schwere Schuh brutal auf den kleinen Zeh drückt und ich frage mich, warum Bergschuhe nicht innen gepolstert sind, als zu unserer rechten Seite die nächsten Kühe auftauchen. Automatisiert schicke ich meine Grüße über den doppelten Zaun: „Guten Morgen Kühe“, und nehme Bob’s Leine kurz, um ihn nicht in leichtsinnige Versuchung zu führen. Wir verhalten uns vorbildlich: kein Bellen, kein Jammern – MUCKSMÄUSCHENSTILL. Ich blicke vom doppelten Zaun zu den beiden Kühen und spüre, dass hier etwas nicht stimmt, als die schwarze Kuh fokussiert auf den Zaun zusteuert. Ich halte den Atem an und rechne damit, dass sie gleich aufschreien wird. Zu meiner Verwunderung, gibt sie keinen Laut von sich, als sie mit dem Elektrozaun in Kontakt kommt, schreckt auch nicht zurück, sondern springt leichtfüßig wie ein junges Reh über den Zaun und läuft die Asphaltstraße hinunter. Nun bekommt es nicht Bob mit der Angst zu tun, der vom Zauber der Abenteuer-Kuh nichts bemerkt zu haben scheint, oder an ihrem Verhalten nichts Außergewöhnliches feststellt – sondern ich. Weniger grazil als die gelenkige Kuh, versuche ich in den unbequemen starren Bergschuhen in jene Richtung zu laufen, aus der wir kamen – für den Fall, dass die „BIG-BLACK-LADY“ auf neue Ideen kommt und umkehrt, um ihr Gemüt im Schatten des Waldes bei ihren Artgenossen abzukühlen. Wenn ich dachte, dass ein Tier mit dem Körperbau einer Kuh nicht imstande wäre einen solchen Sprung zu wagen, muss ich mir eingestehen – es waren meine Grenzen, nicht jene der Kuh.
© Sabine Almhofer 2025-05-25