Mit Urlaub verbindet man Entspannung, Erholung, das Dolce far niente. Was aber, wenn plötzlich jemand im Urlaub stirbt? Wenn der Urlaub nicht erst am Abreisetag vorbei ist, sondern mit dem letzten Atemzug? Dann kann eine ziemliche schräge Situation eintreten. Eine Gegebenheit, die kein Reisender so schnell vergisst, der den Tod im Urlaub mit ansehen musste.
Wasserleiche gefunden auf Mallorca: Ein belebter, aber dennoch für Mallorca-Verhältnisse schöner Strand am Vormittag. Die Sonne wollte sich an diesem Juli-Tag nicht so recht zeigen. Ob sie schon wusste, was an diesem Ort, an diesem Tag geschehen würde? Das werden wir nie erfahren, aber das Gemüt der Sonne passte hervorragend zu dem, was passierte.
Ich watete durchs Wasser, um endlich richtig meine Arme ausbreiten und schwimmen zu können. Irgendwie spürte ich aber, dass etwas nicht stimmte und sich auch keine Erholung einstellen wollte. Unweit von mir kam bald Unruhe auf. Zuerst war unklar, worum es ging. Dann sprinteten Lifeguards zu der immer lauter werden Menschengruppe im Wasser.
Es ging alles sehr schnell. Eine Dame höheren Alters wurde vom Wasser in den Sand gezogen. Alle halfen zusammen bei der Bergung und bei der Wiederbelebung. Es war ein Anblick, für den mir die Worte fehlen. So sehr alle gemeinsam hofften, ein Unglück noch vermeiden zu können, so sehr mussten wir uns auch eingestehen, dass es zu spät war. Für diese Dame hatte der Urlaub geendet und ich hoffte für sie, dass sie ihn bis zu dem tragischen Erlebnis wirklich genießen konnte.
Zitternd lag ich auf meinem Badetuch. Ich war überfordert und konnte die Situation nicht recht einordnen. Zur Ruhe kam ich lange nicht. Zu viele Fragen tauchten auf in meinem Kopf. Dann geschah etwas, was mich wirklich aus der Bahn brachte. Niemand schien die Frau zu kennen. Sie fehlte niemandem. Niemand wusste, wohin mit ihr. Die Lifeguards stellten einige Liegen rund um sie auf, um etwas Sichtschutz zu gewähren. Währenddessen ließ man ihren Leichnam im Sand liegen. Nicht fünf Minuten, nicht zwanzig Minuten, es vergingen Stunden. Rund um den Sichtschutz waren neue Strandbesucher dazugekommen, die nicht einmal Notiz von der Leiche nahmen.
Immer wieder warf ich einen betroffenen Blick hinüber zur verstorbenen Touristin und fand keine Antworten auf meine Fragen. Will man so sterben? Ist es schön, im Sand zu liegen und auf einen Abtransport zu warten? Schöner als an einem anderen Ort? Wer ist diese Frau? Warum kennt sie niemand? Wie wird herausgefunden, wer sie ist? Sieht die Polizei abends nach, welche Handtücher und Strandtaschen übrig bleiben? Wie findet man zu einer Person, bekleidet im Badeanzug und ohne auffällige Körpermerkmale einen Namen?
Manche Fragen beschäftigen mich noch heute. Gleichzeitig war es die erste direkte Begegnung mit dem Tod. Mir wurde klar, dass Urlaub nicht nur Sonne, Strand und Meer ist. An einem Urlaubsort sind viele Menschen und wo Menschen sind, kann einiges geschehen. Schönes und Unschönes.
© Elisabeth Hiesmayr 2021-03-29