von Thomas Epple
Der helle Kehlfleck hob sich deutlich vom rotbraunen Fell ab; aber trotzdem war die Füchsin zwischen den Baumstämmen nur schwer zu erkennen. Nach allen Seiten sichernd strich sie durch das Unterholz. Ihre Bewegungen waren nicht mehr so leichtfüßig wie früher. Ihre Gelenke begannen steif zu werden; und die Zeiten, in denen sie mit wenigen kräftigen Sprüngen eine Maus erjagt hatte, waren ebenfalls vorbei.
Sie spürte jedoch, wie in ihr noch einmal neues Leben heranwuchs; und daher suchte sie sich einen Platz, an dem sie sich um ihre Kleinen kümmern konnte.
In der Nacht wurden sie geboren. Es waren zwei. Die Füchsin legte sich so, dass die beiden bequem trinken konnten. Und danach leckte sie die beiden liebevoll, um ihre Verdauung anzuregen. Die Füchsin war alt, aber durch ihre langjährige Erfahrung wusste sie instinktiv, was zu tun war.
In den ersten beiden Tagen ließ die Mutter ihren Nachwuchs nicht allein. Dann blieb ihr jedoch nichts anderes übrig; schließlich musste sie ja selbst bei Kräften bleiben. Schon wenige Meter vor dem Bau fand sie ein Nest mit jungen Waldmäusen, das sie unschwer ausgraben konnte.
Später brachte sie lebende Mäuse in den Bau, um den Kleinen das Jagen beizubringen. Sie nahm dafür nochmals alle ihre Kräfte zusammen. Später verließ sie mit den Welpen den Bau. Und nun zeigte sich, dass der eine sehr dunkel, sein Schwesterchen jedoch deutlich heller gefärbt war. Sie sahen aus wie „Blacky“ und „Redy“. Redy war sogar beim Spielen oft noch ein wenig kecker als ihr Brüderchen; beide hatten sie jedoch den gleichen hellen Kehlfleck wie ihre Mutter.
Die alte Füchsin spürte, dass ihre Zeit bald kommen würde. Doch das Muttersein gab ihr die Kräfte, die sie brauchte nochmals zurück. Und durch ihre lange Erfahrung schaffte sie es sogar, nochmals größere Beute zu erjagen und zum Bau zu bringen.
Blacky und Redy wuchsen zu stattlichen Jungfüchsen heran. Immer öfter unternahmen sie eigene Streifzüge. Als sie eines Tages wieder fortgingen, wusste die alte Füchsin, dass sie nicht mehr wiederkommen würden. Ihre Aufgabe war erfüllt, Sie zog sich weiter in den Wald zurück und wurde nie wieder gesehen.
Schon zwei Jahre später war jedoch bei den Füchsen dieses Waldes eine Veränderung zu erkennen. Viele von ihnen hatten einen auffallend hellen Kehlfleck.
© Thomas Epple 2024-01-22