von Silvia Peiker
Gewandte Striche und Linien, die Strukturen und Momente einfangen. Skizzieren, charakterisieren. Kunst ist es, die Persönlichkeit des Porträtierten behände in das sich durch Farben und Umrisse manifestierende Gemälde zu malen.
Haruki Murakamis vielschichtiger namenloser Protagonist, der sich jedoch als versierter Porträtmaler einen Namen gemacht hat, verlässt seine untreue Ehefrau und wohnt fortan im verlassenen Elternhaus seines Freundes auf einem einsamen Berg. Irgendwie ist ihm die Lust zu malen abhandengekommen. Bis er am Dachboden im Anwesen des berühmten Nihonga-Malers Tomohiko Amada, der nun im Pflegeheim auf seinen Tod wartet, ein unveröffentlichtes Bild mit dem Titel „Die Ermordung des Commendatore“ entdeckt. Fasziniert von der letalen Aussagekraft des Werkes ereignen sich im Sog des Fundes unerklärliche, metaphysische Vorfälle, die den Ich-Erzähler wie auch den Rezipienten in ihren Bann ziehen. Plötzlich bimmeln Glöckchen inmitten der Nacht und ein geheimnisvoller Schrein im Wald gibt Rätsel auf. Gleichzeitig taucht der wohlhabende, mysteriöse Geschäftsmann Menshiki auf, der sich porträtieren lassen möchte. Murakamis Hauptcharakter nimmt die Herausforderung an, stellt sein Können abermals unter Beweis, gerät jedoch in einen Strudel unheimlicher, seltsamer Ereignisse und Begegnungen.
Wer gerne ins Fantastische und Skurille mit einem guten Schuss Thrill abdriftet, der wird die surrealen Plots des japanischen Theaterwissenschaftlers lieben. Beeindruckend sind die tiefgründigen, teils philosophischen Dialoge, die der preisgekrönte Autor seine Figuren führen lässt. Außergewöhnlich ist seine Beobachtungsgabe, mit der er einerseits Gesten, Charakterzüge sowie menschliche Regungen, andererseits Szenerien in die Köpfe seiner Leser einschreibt. Murakamis Einfallsreichtum ist schier grenzenlos. In zwei Bänden nimmt er die Rezipienten mit auf eine Reise in menschliche Abgründe, verwickelt diese und seinen No-Name-Hauptcharakter in nebulöse Fallstricke rund um Menshikis vermeintliche junge Tochter Marie. Indem wir die zwischen den Zeilen verborgenen Botschaften auflesen, gewinnen wir innovative Einblicke. Sei es in Mozarts tragische, ambivalente Oper Don Giovanni oder ins erdbebengebeutelte Nippon. Denn wird nicht titelgebender Commendatore durch Don Giovannis Hand in einem Duell getötet? Nach und nach begreifen wir durch die scharfsichtigen Augen des Künstlers, wie der Funke einer Idee einem Gemälde Form und Tiefe verleihen kann.
Ich war in der Lage, aufrichtig darauf zu vertrauen, dass es, ganz gleich, in welcher engen Dunkelheit ich gefangen war, ganz gleich, in welche öde Wildnis es mich verschlagen hatte, immer etwas gab, das mich herausführen würde. (Haruki Murakami)
Eigenes Foto: Cage Painting (Hubert Scheibl)
© Silvia Peiker 2025-12-03