Die Frage

Yasemin Kamisli

von Yasemin Kamisli

Story

Es vergeht fast kein Freitag, an dem ich das Gefängnis nicht besuche. Das bedeutet automatisch, dass ich kein Wochenende genießen kann, ohne bereits am Samstag an den nächsten Freitag denken zu müssen. Und das, ohne es jemandem aus meiner Familie erzählen zu können. Ich frage mich, ob sich wirklich niemand fragt, wie es ihm geht. Wie er aussieht. Kann das einer Schwester, einer Nichte, einer Mutter, einer Ehefrau wirklich so egal sein? Taucht Baba nicht manchmal in ihren Träumen auf? Ich habe das Gefühl, die Gefühle meiner eigenen Familie nicht zu kennen. Ich wünsche mir so sehr, dass wir sie gegenseitig kennen würden. Aber über Gefühle reden wir nie. Bei dem heutigen Besuch redet Baba mehr als sonst. Mir fällt es schwer, ihn anzuschauen. Es hallt so sehr in dem Raum, dass ich ihn oft nicht verstehen kann. Zum ersten Mal stelle ich ihm eine Frage, die ich noch nie ausgesprochen habe. Wohl die offensichtlichste, die so offensichtlich war, dass wir nie darüber redeten.

Ela: „Wieso hast du das gemacht Baba?“

Baba: „Was gemacht?“

Ela: „Wieso hast du unsere Wohnung angezündet?“

Baba: „Ich kann es nicht erklären.“

Ela: „Wofür sitzt du dann heute im Knast? Weißt du, wieso dich deine Tochter als einzige besuchen kommt? Weißt du, wie es ist, wenn ich all meine Freundinnen sehe, wie sie ihre Väter umarmen und jederzeit anrufen können, während ich immer mehr deine Stimme vergesse?“

Ela: „Baba, wieso antwortest du mir nie auf meine Fragen? Wenn ich Anne frage, sagt sie nichts. Wenn ich dich frage, sagst du nichts. Wieso redet ihr nie? Wen soll ich denn noch Fragen? Sag mir, wen soll ich noch Fragen?“

Baba: „Ich wollte mich umbringen.“

Ela: „Du wolltest dich umbringen?“

Baba: „Ja.“

Ela: „Und uns auch?“

Baba: „Nein.“

Ela: „Also wolltest du nicht sehen, wie deine Tochter Abitur macht? Wie deine Tochter als erste aus der Familie zur Uni geht? Wie sie heiratet? Wie sie ihre Träume realisiert?“

Baba: „Ich hätte es gerne gesehen.“

Ela: „Nein Baba! Hättest du nicht! Sonst wärst du jetzt bei uns zu Hause und nicht seit Jahren hinter diesen dreckigen Gittern. Sonst hättest du deine Frau getröstet, als sie Nächte lang weinend im Bett lag.“

 „Die Besuchszeit ist beendet, bitte verlassen Sie alle den Raum und geben Sie Ihre Karten am Ausgang ab.“

Als ich aus dem Gefängnis gehe, schreibe ich Bahar eine SMS: Umarme deinen Baba heute extra fest, ok?

© Yasemin Kamisli 2023-08-05

Genres
Romane & Erzählungen