Die Frau aus Bulgarien

Artur Elz

von Artur Elz

Story

Als der letzte Kunde mit stampfenden Schritten und einem aggressiven Kopfschütteln das Café verließ, atmete die Kassiererin, eine Frau aus Bulgarien, laut auf und stellte sich vor, wie dieser rüpelhafte Mensch draußen in einer tiefen Regenpfütze das Gleichgewicht verlor und sich den Kopf auf dem Bordstein aufschlug.

Es war kurz nach elf Uhr und der letzte Stuhl befand sich nun umgedreht auf dem Tisch. Die Bulgarin dimmte das Licht, aber ließ die Lampe an der Theke noch an, damit sie die Geldscheine in der Kasse besser zählen konnte. Sie nahm ihren Anteil und ärgerte sich über die Gruppe von Jugendlichen, die vor ein paar Stunden noch hier saßen und sich kurz vor dem Gehen noch darüber stritten, wie viel Trinkgeld sie ihrer ausländischen Bedienung zustecken sollten. Sie rollte das kleine Bündel Scheinchen wie eine Zigarette zusammen und schob sie sich in die Hosentasche.

Seufzend entledigte sie sich von ihrer Schürze, wischte noch einmal mit einem trockenen Lappen über die Theke und die Kaffeemaschine, und schaltete überall das Licht aus. Im Hintergrund hörte sie das Prasseln des Regens und spürte einen Luftzug, der aus der Eingangstür ausging. Sie fluchte. Sie war zu Fuß hergekommen.

Während sie sich langsam in die Garderobe begab und ihre dünne Daunenjacke überzog, summte sie ein altes Lied vor sich hin. Sie schloss die Augen und stellte sich vor, wie sie im Regen tanzte und das Lied sang, als wäre das alles für ein Musikvideo inszeniert. Den Gedanken, tatsächlich rauszugehen und im Regen zu tanzen, verwarf sie aber schnell wieder. Die Vorstellung war vielleicht lustig, aber die Jacke war dennoch zu dünn.

Sie nahm sich einen Stuhl vom Tisch und setzte sich, die Augen starr auf den Sturm gerichtet. In dem Moment wünschte sie sich, ihr Chef wäre nicht so früh gegangen und hätte sich noch für einen Augenblick zu ihr gesetzt. Sie hasste diesen selbstgefälligen Mann, aber sie wollte ihn trotzdem in der Nähe haben. Eine weitere Reihe von Anweisungen und von Größenwahn behafteten Sprüchen hätten ihr nichts ausgemacht. Dann wäre es nicht ganz so still.

Sie erhob sich wieder, stellte den Stuhl zurück und begab sich zurück hinter die Theke, wo sie in aller Ruhe die Kaffeemaschine wieder anstellte. Der Dampf, der aus dem gekochten Wasser hervorging, umhüllte sie und sie zog eilig die Jacke wieder aus. Sie schenkte sich eine Tasse ein und trank einen großen Schluck, die Aufmerksamkeit wieder auf den Sturm gelenkt.

Nachdem sie die Tasse geleert hatte, wandte sie sich wieder der Kasse zu und blickte auf den Stapel Geldscheine runter wie ein Hund auf einen Knochen. Impulsiv griff sie nach einer ungewissen Menge an Scheinen und steckte sie sich in die Hosentasche. Wieder wünschte sie sich, dass ihr Chef hier wäre, um auch das zu sehen. Er würde sie wutentbrannt anschreien und sie würde amüsiert nichts verstehen.

Sie warf ihre Jacke auf den Boden, legte sich hin und entspannte ihren Kopf darauf. Es war noch immer zu hart, aber sie machte es sich so bequem wie es ging. In ihren letzten Gedanken, bevor sie dem Schlaf verfiel, ging sie ihr Musikvideo ein letztes Mal im durch.

© Artur Elz 2023-07-09

Genres
Spannung & Horror