von Lena Haider
Fast alle MĂ€dchen in meiner Klasse hatten einen, also wollte ich auch einen. Einen BH. Es war Ende der 90er, als Britney Spears mit âHit Me Baby One More Timeâ bauchfrei an die Spitze der Charts hĂŒpfte, wir saure Kaugummis kauten und Tamagotchis sterben lieĂen. In Begleitung meiner Mutter ging ich in die UnterwĂ€scheabteilung eines noblen Grazer Kaufhauses. Mit kindlicher Röte im Gesicht probierte ich zwei, drei StĂŒcke an und entschied mich dann fĂŒr ein sportliches, weiĂes Modell aus samtig-weichem Stoff, eingefasst von einem dunkelblauen Band. Schnörkellos. Das war dann wohl der Moment, als ich vom Kind zum MĂ€dchen wurde. Am darauf folgenden Tag zog ich am Schulklo mein Leiberl hoch und prĂ€sentierte meiner besten Freundin stolz das neue KleidungsstĂŒck. Wir kicherten und fĂŒhlten uns dabei ziemlich erwachsen.
Fast alle MĂ€dchen in meiner Klasse hatten sie, also wollte ich sie auch. Die Regel. Wir rauchten heimlich hinter den MĂŒllcontainern am Schulhof, streuten uns Glitzerpuder ins Gesicht und trĂ€llerten âOops! ⊠I Did It Againâ. Cool und verschĂ€mt zugleich steckten sich die anderen in der groĂen Pause gegenseitig OBs zu. Wie Drogendealerinnen in einem Club. Als ich sie dann zum ersten Mal bekam, war ich gerade auf Urlaub bei meinen GroĂeltern. In meiner Unterhose ein Fleck rötlich-braunes Blut. Ich schĂ€mte mich, traute mich zunĂ€chst kein Wort zu sagen. Ich stopfte meine Hose mit Klopapier aus, doch irgendwann musste ich etwas unternehmen. Also vertraute ich mich meiner GroĂmutter an. âJetzt bist du eine Frauâ, sagte sie zu mir, doch ich wusste nicht, was das eigentlich bedeuten sollte. Frau war ich durch das bisschen Blut noch lange nicht.
Fast alle MĂ€dchen in meiner Klasse hatten es, also wollte ich es auch. Das erste Mal Sex. Mittlerweile zogen wir uns dicke, kohlschwarze Kajalstriche unter die Augen, tranken billiges Dosenbier und Travis grölte laut âMy Loneliness Is Killing Meâ. Es passierte in einem feuchten Zelt am Campingareal eines groĂen Festivals. Er gefiel mir nicht besonders, aber er brachte mich zum Lachen. Wir waren ziemlich betrunken, er fasste mich an. Ich wusste nicht, ob ich es wirklich wollte. Oder er. Am nĂ€chsten Morgen vermieden wir es, uns nĂŒchtern in die Augen zu schauen. Mit der glĂ€nzenden Fotolovestory aus der Bravo Girl hatte es jedenfalls kaum etwas zu tun. Ich erzĂ€hlte es niemandem. Manche wussten es trotzdem.
Die Frau die ich sein wollte, die Frau, die ich jetzt bin, wurde ich erst, als ich mich so berĂŒhren lieĂ, wie ich es wollte. Als ich meine beiden Kinder auf die Welt brachte und erfuhr, welche unendliche, weibliche (Ur-)Kraft in mir steckt. Als ich meinen BH im Schrank verstaute und mich nicht mehr schĂ€mte fĂŒr den blutigen Fleck in meiner Unterhose. Als ich mich zum ersten Mal öffentlich laut zu sagen traute: Ich bin FEMINISTIN.