von Jakob Zitterbart
Gegenüber im Innenhof, zwei Stockwerke unter mir, wohnte eine alte Frau. Sie trug Jahr ein, Jahr aus Weiß von Kopf bis Fuß, hatte einen wunderschönen Gehstock und immer ein Lächeln auf den Lippen. Ich habe immer nur ein paar Worte mit ihr gewechselt, aber ihre fast schon kindlich, fröhliche Art war ungemein einnehmend. Sie hat viele Jahrzehnte in diesem Haus gewohnt, Bewohner kommen und gehen gesehen. Umbauten, Renovierungen und auch den Dachausbau, der die Wohnung schuf, in der ich lebe.
Sie hat mir öfter auch Komplimente gemacht, über mein Aussehen und mein Haar. Von kleinen Kindern und alten Menschen kann man Komplimente ja irgendwie besser annehmen. Ich habe mich mit Kommentaren über ihre Outfits und ihr Lächeln revanchiert. Ich glaube, das hat uns beiden gutgetan.
Morgens stand ich oft am Fenster und habe mich mit meinem Kaffee auf den Tag vorbereitet. Immer wieder, öffnete sie dann ihres und wir winkten uns zu. Jedes Mal habe ich mir gedacht, ich sollte sie einmal zu einem Tee oder einem Glas Sherry einladen. Ich habe keine Ahnung, ob sie Sherry überhaupt mag, aber in meiner Vorstellung trinken elegante ältere Damen eben gerne Sherry. Sie hätte bestimmt eine spannende Geschichte zu erzählen gehabt.
Eines Morgens stehe ich wieder am Fenster und an ihrem Fenster steht nicht sie, sondern ein Bauarbeiter. ironischerweise trägt er eine weiße Latzhose. Auch er winkt mir kurz zu und ich bin so irritiert, dass ich mich umdrehe und abhaue. Ihre Wohnung ist leer und wird renoviert.
Ich werde ihre Geschichte nie erfahren. Wie das so ist, kam mir immer das, was man Leben nennt, dazwischen. Ich habe sie nie eingeladen, wir haben weder Tee noch Sherry getrunken und alles, was ich über sie weiß, habe ich in wenigen Sätzen aufgeschrieben. Auch ihr Name, so ich ihn je wusste, ist mir entfallen.
Ich bereue es. Wirklich! Aber ich denke auch darüber nach, was sie wahrscheinlich gewollt hätte. Also verbringe ich den Tag damit, Menschen anzurufen, von denen ich viel zu lange nichts gehört habe. Mir endlich einmal wieder die Zeit zu nehmen und mich mit einem Buch in einen Schanigarten zu setzen. Kurz, ich mache all die Dinge, für die ich einfach keine Zeit habe und es ist großartig.
Vielleicht ist das ihr Abschiedsgeschenk gewesen. Wo auch immer sie jetzt ist, ich bin überzeugt, sie lacht.
© Jakob Zitterbart 2022-09-18