Die ganze Welt ist eine Hure

Beederl

von Beederl

Story
2023

Die letzten Tage quält mich oft ein Gedanke: Egal wer oder was etwas tut – das Ergebnis ist oftmals, viel zu oft: Die ganze Welt ist eine Hure. Da ist kein Handgriff umsonst, kein Gedanke, keine Hilfestellung. Wenn man selber dafür bezahlen muss, findet man es noch in Ordnung, wenn man selbst aber etwas in Anspruch nimmt, kommt sofort das schlechte Gewissen auf, wenn man nicht Bezahlung anbietet oder die Geldbörse zückt.

Sobald man die Medien verfolgt – Print oder im TV – im zweiten Satz spätestens ist von Bezahlung und von Geld die Rede. Alles und jedes wird daran gemessen, man kommt dem gar nicht aus. Egal welcher Bereich da betroffen ist, ob die Geschichte in ferner Zeit, oder sein eigenes Bankkonto – schon fängt man an zu rechnen. Wie wird sich das bei mir ausgehen, wieviel wird es bei mir ausmachen, wenn nächstes Jahr die Pensionen wieder angepasst werden. Und schon „rennt das Radl“ und man ärgert sich. Das Thema wird präsent bleiben und man wird es mit einigen Leuten ansprechen. Ein Bekannter, der im selben Haus lebt, ist mir „so über dem Daumen“ etwas schuldig. Wenn er es nicht so empfinden würde, müsste ich es auch so hinnehmen. Und so will er sich erkenntlich zeigen und hat sich angeboten, meinen Garten durchzuforsten, was eine Menge Kraft und Zeit abverlangen wird. Ich bin dankbar, weil das würde wieder eine Stange Geld kosten und ich bin für heuer diese Sorge los. Wenn für ihn der Wert und sein Gegenwert damit stimmt, soll es mir recht sein. Gestern traf ich ihn zufällig am Gang als er offensichtlich reich beschenkt heimkam – Kuchen und Gemüse in der Hand. Ich meinte verlegenheitshalber „oh, ein frischer Kuchen“ – sofort fühlte er sich animiert zu sagen „magst ein Stück davon“ – und ich antwortete anstandshalber „danke, oh, nein“.

Alles, was einen Wert hat, muss auch einen Preis haben – diese Weisheit wird uns unser ganzes Leben eingehämmert, sodass wir es ja auch nicht vergessen. Alles, was ich will und alles, was ich gebe, wird in Geld bewertet, oder zumindest mit Gegenwert. Es hat sich schon so in unser Leben eingeschlichen, dass es uns gar nicht mehr auffällt. Der hehre Handel zählt da längst nicht mehr. Das lebenserhaltende Geld verdienen in seinem Job auch nicht. Wir wollen etwas abgelten, Wert schätzen, ausgleichen. Wir können Geschenke schlecht annehmen, ein Danke schlecht aussprechen, weil wir glauben, es genüge nicht. Meine Freundin MUSS mir jedes Mal, wenn wir wohin fahren, einen Kaffee zahlen, damit sie das Gefühl hat, meinen Aufwand abgegolten zu haben. Wahrscheinlich hat es seine Richtigkeit – dennoch schwingt für mich da mit, dass es nicht notwendig wäre. Und jedes Mal, wenn sie zu mir kommt, bringt sie etwas mit, obwohl ich schon oft gesagt habe, das braucht es nicht – und ich dann tagelang die Kipferln essen muss, die mir eigentlich gar nicht schmecken.

Wir prostituieren uns – so oft und ständig, ohne dass viele das so sehen. Die Grenze zur Anbiederung ist fließend. Alles wird mit Geld aufgewogen – und ich nehme mich da nicht aus, ja es ist einem so oft ein Bedürfnis. Gerne vergleiche ich es mit der Waagschale einer alten Küchenwaage. Auf jeder Seite muss Entsprechendes hineingegeben werden, damit sie sich schlussendlich austariert. Doch würde ich sehr begrüßen, dass einfach so hineingegebene „Handgriffe“ auch zählen!

© Beederl 2023-08-07

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Lebenshilfe, Biografien
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