von Johanna Ofenauer
1,2,3,1,2,3 – Mein Kopf scheint nicht mehr aufhören zu wollen, Walzer zu tanzen. Nun gut, es sei ihm verziehen. Er bekommt ja schon seit fast einem halben Jahr unzählige Tanzschritte, Drehungen – Gott sei Dank keine Hebungen – und Positionen eingetrichtert. Eine Nacht Prinzessin zu spielen und in einem himmlisch weißen Kleid durch den Ballsaal schweben, ist doch für viele ein großer Traum. Am besten wäre es, wenn auch noch ein paar singende Vögel und scheue Waldtiere von dieser Atmosphäre angelockt werden würden und Mensch und Tier gemeinsam glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende tanzen und feiern würden. Romantischer und märchenhafter kann man es wohl kaum beschreiben. Aber jetzt mal im Ernst – Tatsächlich habe ich am Tage meines Maturaballs die Rolle des Mädchens aus dem Märchenbuch, das sich auf den großen Ball vorbereitet, eingenommen ….
Es war einmal ein junges Mädchen, das sich auf ihren ersten Ball als Debütantin vorbereitete. Dies war ein äußerst besonderes Unterfangen, kommt so etwas im Leben ja meist nur einmal vor. Daher waren die Freude und Spannung auf dieses Fest sehr groß. Bereits Monate zuvor begannen die Vorbereitungen für den großen Tag: Kleid, Schuhe und Diadem mussten besorgt werden. Das Kleid war aus dem reinsten weißen Stoff geschneidert und mit funkelnden Edelsteinen besetzt. Das zarte Diadem glitzerte mit dem Kleid um die Wette. Die feinen Lederschuhe passten dem Mädchen wie angegossen. Zum Schutz vor Flecken wurden die Ballschuhe während der Tanzproben mit Klebeband versehen. Als nun der Morgen des ungeduldig erwarteten Tages gekommen war, sprang die Debütantin aus dem weichen Federbett und begann sich für den abendlichen Ball vorzubereiten. Zuerst wollte sie die Schuhe von ihrer Schutzhülle befreien und so löste sie vorsichtig die Klebestreifen von den Ballschuhen. Doch oh Schreck! Mit den Klebestreifen ging auch so mancher Teil des weißen Leders flöten, sodass man darunter das graue Rauleder sehen konnte. Die Schuhe wurden geradezu gehäutet! Dem verzweifelten Mädchen war die Fassungslosigkeit ins Gesicht geschrieben und es kämpfte merkbar mit den Tränen. Was sollte es nun tun? Jetzt noch neue Schuhe zu bekommen, war schier unmöglich. Ihr kam die Idee, die Flecken mit weißer Farbe anzumalen und zu hoffen, dass man dies unter ihrem langen Kleid nicht weiter bemerken würde. So war es dann auch und das junge Mädchen verbrachte einen himmlischen Abend. Und wenn es nicht gestorben ist, so tanzt es noch heute.
© Johanna Ofenauer 2022-03-07