Die guten Momente

Nicole Frisch

von Nicole Frisch

Story

Mein Handy vibriert. Der Zeitpunkt ist denkbar ungĂŒnstig. Ich gehe ran, obwohl ich schon lĂ€ngst am Weg zu meinem Termin sein sollte. “Ich melde mich um halb sieben bei dir”, sage ich ohne ein Wort der BegrĂŒĂŸung. Ich lege auf, setze mich in mein Auto und starte den Motor.

Eine Stunde habe ich fĂŒr das Interview eingeplant. Ein Blick auf den Himmel sagt mir, dass ich auch nicht lĂ€nger Zeit habe. Die Regenwolken scheinen nĂ€herzukommen, die WĂ€sche habe ich in meiner Eile am WĂ€schestĂ€nder im Garten hĂ€ngen lassen. Ich lĂ€ute an und sofort höre ich die Stimme eines alten Mannes rufen, dass er gleich da sei, er mĂŒsse nur schnell den SchlĂŒssel holen. WĂ€hrend ich warte, blicke ich besorgt Richtung Himmel. Die Sporthose muss morgen FrĂŒh auf jeden Fall trocken sein.

“GrĂŒĂŸ Gott”, nehme ich plötzlich neben mir eine Stimme wahr. Er hat den SchlĂŒssel gefunden. Ich stelle mich vor, sage ihm, dass ich wegen des Interviews da bin. Doch das weiß er ohnehin. Er bietet mir einen Platz auf dem kleinen Tisch im Garten an, seine Frau bringt Kirschkuchen. “Selbstgemacht”, sagt sie und zeigt auf das StĂŒck am Teller. Ich lĂ€chle sie an, probiere einen Bissen, einen zweiten und einen dritten. Der Kuchen ist sehr gut.

“Sie waren mehr als 50 Jahre lang beim Musikverein. Wie sind Sie denn ĂŒberhaupt zur Blasmusik gekommen?”, beginne ich nach dem vierten Bissen das Interview. Er holt weit aus, erzĂ€hlt sehr viel mehr als ich Platz fĂŒr die Antwort auf diese Frage habe. Vieles hat auch gar nichts mit der Frage zu tun. Ich kann ihn natĂŒrlich unterbrechen, doch das will ich nicht. Die Studentin in mir ĂŒbernimmt die Oberhand. Sie will zuhören, wenn er sich an das erste Treffen mit seiner Frau erinnert. Sie will verstehen, wieso er sein ganzes Leben der Musik widmet. Sie will eintauchen in seine Geschichte und in jene seines Heimatdorfs, das die Nazis einst absiedeln wollten. Es dauert eine dreiviertel Stunde, bis ich zur nĂ€chsten Frage weitergehen kann. Die Beantwortung der ĂŒbrigen Fragen geht schnell, vieles hat er ohnehin schon vorweggenommen. Nach eineinhalb Stunden beende ich die Aufnahme. Ich widme mich dem Rest vom Kirschkuchen.

Der Teller ist schon lange leer, da sitze ich immer noch an dem kleinen Tisch. Wir unterhalten uns ĂŒber den Klimawandel, die BrĂ€nde in Griechenland. Er erzĂ€hlt von seinen Kindern und seinen Freunden, auch den Verstorbenen. Seine Frau erzĂ€hlt vom Hausbau. Es ist kurz vor acht Uhr, als ich einen Regentropfen auf der Stirn spĂŒre. “Jetzt muss ich aber wirklich gehen”, sage ich, bedanke mich fĂŒr das Interview und den Kuchen.

Nach acht Jahren bei der Lokalzeitung gibt es vieles, was sich wiederholt und seinen Reiz verloren hat. Straßensanierungen zum Beispiel. Doch Begegnungen mit Menschen, die ihre Geschichte mit mir teilen, lassen mich ĂŒber all das hinwegblicken. Das sind die guten Momente. Auch, wenn aus einer Stunde drei werden. Die Sporthose ist trocken geblieben. “Sorry, es hat etwas lĂ€nger gedauert. Ich melde mich morgen”, schreibe ich meiner Freundin.

© Nicole Frisch 2021-08-21

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