Die Kesselwärterprüfung

Jörg Gschaider

von Jörg Gschaider

Story

1984 gab es noch kaum standardisierte Prüfungen. Fast immer oblag es dem Prüfer, den Prüfling für befähigt zu halten, in seinem Metier künftig bestehen zu können. Flurl, der Chef des TÜV, der Gottseibeiuns sämtlicher Kesselanlagen war es, der die Prüfungen abnahm. Wenn Flurl es nicht wollte, konnte die Fabrik nach einem Werksstillstand nicht zeitgerecht anfahren. Das war Macht! Entsprechend verhielt sich die Firmenleitung ihm gegenüber. Da machte es auch nichts aus, dass er auftauchte, wann immer es ihm passte, um jemanden zu prüfen. Mein Vorteil war, dass ein Freund Flurl ziemlich gut kannte: „Achte auf die Cognacflasche auf seinem Schreibtisch“, sagte er. „Wenn sie noch voll ist, bist Du durchgefallen – und wenn sie leer ist, hast Du es geschafft!“

Die letzten Prüflinge waren ausnahmslos durchgerasselt. Sei es, weil ihr Nervenkostüm den Methoden des Kesselgottes nicht standgehalten hatte, oder weil ihr Wissensstand tatsächlich nicht ausreichte. Der Kollege vor mir war z. B. durchgefallen, weil er über Dampflokomotiven zu wenig Bescheid wusste!

Mein Termin wäre in einigen Wochen gewesen, entsprechend war der Stand der Vorbereitungen. Doch Flurl war unvermutet aufgetaucht, um einen jungen Mitarbeiter in die Mangel zu nehmen. Wahrscheinlich war er zufällig in der Gegend und in Prüfungslaune. Unglücklicherweise war ich der Einzige aus dem infrage kommenden Personenkreises, der anwesend war. Dass der Herr Prüfer umsonst das Werk aufgesucht hatte, wagte ihm wahrscheinlich niemand zu sagen. Also blieb mir nichts anderes übrig, als anzutreten.

In der Tat stand auf dem Schreibtisch in seinem Container eine Flasche Cognac. Wie vorhergesagt. Sie war halb voll: „Die Chance lebt“, sagte ich mir und eine Pokerpartie der ganz besonderen Art konnte beginnen. Sicherheit und Stärke zeigen, keinesfalls schwächeln. Demonstrierte Selbstsicherheit war bei jeder Prüfung hilfreich. Keine Miene verziehen. Pokerface!

Der Typ hatte eine ganz besonders unangenehme Art, einen Probanden zu grillen: Er wollte zu jeder Frage Antworten hören, die weit über die vorhandenen Unterlagen hinausgingen. Ich spekulierte, dass er, wenn sich das Thema bereits in Richtung Wissenschaft bewegte, auch nicht hundertprozentig sattelfest war. Jedenfalls bohrte er bei jeder Frage so lange nach, bis ich endgültig nicht mehr weiterwusste. Das gab mir stets das Gefühl, nicht ausreichend geantwortet zu haben, was wiederum die Nervosität von Minute zu Minute zunehmen ließ. Pokerface nicht vergessen!

Mit Fortdauer der Prüfung war es mir jedoch immer schwerer gefallen, keine Nerven zu zeigen, was in den Gedanken „Eine blöde Frage noch und ich steh auf und gehe!“, gipfelte. Eine Überlegung, die vor mir schon einige angestellt haben dürften. Nur hatten sie nicht das Glück, dass just in diesem Moment das Martyrium Gott sei Dank sein Ende fand: „Berühmt war es nicht“, stellte Flurl fest, „aber sagen wir, es hat gereicht!“

© Jörg Gschaider 2022-04-18

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