Die Madonna der Seeleute

Ulrike Sammer

von Ulrike Sammer

Story

Das kleine Ausflugsschiff war direkt vor unserem Hotel im Canale della Schiusa in Grado vertaut. Mein Bruder und ich stiegen ein, denn wir wollten durch die Lagunenlandschaft zu einer kleinen Klosterinsel gelangen.

Die enorme Lagune beeindruckte mich sehr. Ich hatte noch nie vorher eine so große, weite Schlicklandschaft, von schmalen Wasserläufen durchzogen gesehen, Sie ist einetraumhafte Naturkulisse für den Ort Grado, eine kleine fantastische Welt inmitten ruhiger Natur, in der sich Kanäle und Bäche manchmal kreuzen. Von Zeit zu Zeit steht ein Pfosten mit einem Wegweiser am Rande. Kleine und winzige Inseln ragen aus dem Wasser. Manche tragen gerade ein Fischerhäuschen. Die Casoni genannten charakteristischen Fischerhütten mit ihren Strohdächern versetzen Besucher auch heute noch in die Atmosphäre früherer Zeiten zurück.Es ist hier ein geschichtlich hochinteressantes Gebiet, in dem archäologische Grabungen die antike und heute vollständig vom Wasser bedeckte Via Romana zum Vorschein brachte, die einst von Aquileia nach Grado führte. Tamarisken, Pappeln und Kiefern stehen an den Rändern. Mit Glück kann man Seemöwen und Graureiher beobachten.

Einer der beliebtesten Pilgerwege Italiens führt zur Insel Barbana.Auf ihr befinden sich ein Kloster und die Marienkirche Santuario di Barbana. Die Insel Barbana war ursprünglich mit dem Festland verbunden. Auf dem Gebiet der heutigen Insel befand sich zur Zeit der Römer vermutlich ein Heiligtum des Apollo.

Der Legende zufolge geht der Ursprung der Insel und der heutigen Marienwallfahrtskirche auf das Jahr 582 zurück. In diesem Jahr suchte eine Sturmflut die Gegend um Grado heim und leitete die zunehmende Inselbildung ein. Während des Sturms wurde eine Marienstatue in der Nähe der Hütten zweier Eremiten angeschwemmt. Aus Dank, dass der Sturm die Stadt Grado weitgehend verschont hatte, ließ der Patriarch von Aquileia ein Kirchengebäude errichten. Der Eremit Barbanus versammelte eine Gruppe von Mönchen um sich, deren Nachfolger sich seither um das Heiligtum kümmerten.

Im Zuge einer Überschwemmung ging die ursprüngliche Madonnenstatue verloren. Im 11. Jahrhundert wurde schließlich eine neue, hölzerne Figur der schwarzen Madonna eingesetzt. 1738 errichteten die Franziskaner die heutige Wallfahrtskirche.

Seit 1237 ist Barbana das Ziel des berühmtenPerdòn, der Prozession, welche die Gemeinde von Grado jedes Jahr am ersten Sonntag im Julian Bord von reich geschmückten Booten macht.

Schon von Weitem sieht man eine weiße Madonnenstatue, die die Ankommenden beim kleinen Hafen empfängt. (Die echte, schwarze Madonna befindet sich geschützt in einer kleinen Kapelle.) Es gab kaum Besucher und wir genossen die Ruhe unter den alten Bäumen und in der Kirche. Die unzähligen Votivgaben und Bilder von gelungenen Heilungen zeugten von dem tiefen Volksglauben. Viele gespendete silberne Herzen fanden, auf rotem Soff befestigt, einen würdigen Rahmen.

© Ulrike Sammer 2021-07-30

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