Die Reise der Amanika

Vivien-Doreen Böse

von Vivien-Doreen Böse

Story

Es war einmal eine junge Frau namens Amanika. Gerade 19 Jahre alt geworden, lebte sie ganz allein in einer alten Holzhütte, tief im Wald. Das Haus, das einst von ihren Großeltern gebaut worden war, war kaum noch bewohnbar. Die Wände waren feucht und schimmelig, die Decke hing gefährlich durch. Jeder Windstoß ließ das Gebälk knarren, als würde es gleich in sich zusammenfallen. Doch nicht nur das Haus machte Amanika zu schaffen. Der wahre Schmerz lag in ihrer Vergangenheit: Ihre Eltern waren nicht durch Krankheit oder Unglück gestorben, sondern durch die Bosheit einer Hexe. Diese hatte einst das Dorf verflucht und Amanikas Eltern „in den Himmel gezaubert“, wie die Leute sagten. Niemand wusste, ob sie tot waren oder an einem anderen Ort lebten. Doch Amanika war allein zurückgeblieben – mit Erinnerungen, die schwerer waren als jedes Gepäck. Eines Morgens, als die Sonne zaghaft durch das kaputte Fenster schien, stand Amanika auf und wusste: So kann es nicht weitergehen. Sie packte ein paar Habseligkeiten in ihren alten Rucksack, nahm Abschied vom knarzenden Haus und machte sich auf in die weite Welt. Sie hatte kein Ziel, nur einen Wunsch: glücklich zu sein. Die Reise führte sie durch Wälder, über Wiesen, durch kleine Dörfer und an flüsternden Bächen vorbei. Unterwegs begegnete sie vielen Menschen – doch kaum jemand glaubte ihre Geschichte. „Ein Fluch? Eine Hexe?“, lachten manche spöttisch. Andere schüttelten nur den Kopf. Amanika wurde oft hungrig, manchmal einsam – aber sie gab nicht auf. Am zehnten Tag ihrer Reise, als der Abend dämmerte und die Luft nach Regen roch, fand sie einen jungen Mann am Wegesrand. Er saß auf einem Stein, den Kopf in den Händen vergraben, Tränen liefen über seine Wangen. Behutsam trat Amanika näher:

„Warum weinst du?“

Der junge Mann hob den Kopf. Seine Augen waren rot vom Weinen.

„Ich habe alles verloren. Mein Zuhause, meine Familie… Mein Herz ist leer.“ Amanika setzte sich neben ihn.

„Ich kenne das Gefühl“, sagte sie leise. „Ich habe auch alles verloren. Doch ich habe mich entschieden, nicht stehen zu bleiben.

“ Der Junge – er hieß Eljan – hörte auf zu weinen.

Sie sprachen lange, erzählten einander von ihren Erlebnissen, von Schmerz, aber auch von Mut. Der Himmel wurde schwarz, doch in ihnen wurde es heller.

„Komm mit“, sagte Amanika am nächsten Morgen. „Wir wissen zwar nicht, wohin wir gehen – aber vielleicht ist der Weg leichter, wenn man ihn gemeinsam geht.“

Und so zogen sie los – zwei verletzte Seelen auf der Suche nach einem neuen Zuhause. Nicht aus Holz und Balken, sondern aus Vertrauen, Hoffnung – und einem Stück Zukunft.



© Vivien-Doreen Böse 2025-07-05

Buchkategorie
Anthologien
Stimmung
Abenteuerlich, Hoffnungsvoll, Inspirierend
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