von Miriam Müller
Ihr Name eilt der Rose von Jericho voraus. Denn anders als die anderen Mitglieder der Rosenfamilie, die schön sind und majestätisch -bunte Symbole der Liebe-, sieht sie aus, als wäre ihr Leben schon vorbei. In sich zusammengefallen klammert sie sich um ihren Kern.
Vielleicht liegt es an dem Krieg in ihrer Heimat, vielleicht ist es einfach nur ihre Natur: Die Rose von Jericho hat keine Wurzeln. Heimatlos liegt sie auf der Erde und lässt sich vom Wind durch die Welt tragen. Durch Hitze und Kälte, Tag und Nacht. Auch über weite Felder, dichte Wälder und schöne Gärten hat der Wind sie getragen. Durch Wüsten ist sie gerollt und über spitze Steine hinweg. Und von allem Boden, über den sie hinwegrollt, bleiben kleine Partikel in ihren Ästchen hängen. Die Rose von Jericho hat schon viel gesehen, vielleicht auch schon alles. Die tiefen Wurzeln und die mächtige Größe der Bäume, die Eleganz, Farben und duftende Schönheit der Blumen und den dichten Zusammenhalt der Sträucher. In Distanz beobachtet und bewundert sie die anderen Pflanzen, ohne sich als ihnen zugehörig zu sehen. Denn zu all dem kann die Rose von Jericho in ihrer vertrockneten, klumpigen Gestalt nur einen Kontrast bilden. Zwar lauschen die grünen Pflanzen um sie herum gespannt ihren Geschichten von der Welt und vom Wind, doch sobald die Rose von Jericho weiterrollt, bleibt sie nur eine blasse Erinnerung. Nicht einmal im simplen Gras hat sie einen Ort gefunden, an dem sie bleiben kann. Sie zieht durch die Welt alleine.
Anders als andere Rosen hat die Rose von Jericho zu ihrer Verteidigung keine Dornen ausgebildet. Ihr liegt nichts daran, andere zu verletzen. Denn ihre Verteidigung liegt nicht im Angriff, sondern im Rückzug. Versucht man, ihre Ästchen auseinanderzubiegen, krümmt sie sich noch stärker zusammen. Sie harrt aus, bis der Wind sie wieder an bessere Orte trägt. Die meisten Menschen würden keinen tieferen Gedanken auf das Wesen der Rose von Jericho verschwenden. Doch es gibt es auch einige wenige, die mehr in ihr sehen als ein verirrtes Pflanzenknäuel. Neugierig auf das Geheimnis, das sie wohl in sich hüten mag, schenken sie ihr Wasser und Geduld.
Und das Unmögliche wird möglich: Die verkrampften Äste der Rose werden ganz weich und sie beginnt, sich zu öffnen. Erstarkt und dankbar reckt sie sich ihrem Bewässerer entgegen und offenbart ihm ihr Innerstes in sattem Olivgrün. Sie wird groß und schön. Zwar nicht so groß wie die Bäume im Wald, und auch nicht so schön wie die Blumen im Garten. Auch ihr Grün ist anders als das des Grases. Aber sie ist dennoch groß. Und dennoch schön. Und obwohl sie immer wieder in sich zusammenfällt, reckt sie sich auch immer wieder aufs Neue.
Sie ist das bisschen Leben in der Wüste. Sie ist die Hoffnung. Sie spiegelt die Liebe, die man an sie heranträgt.
Und ist der Beweis dafür, dass es sich lohnt, genauer hinzuschauen.
© Miriam Müller 2022-08-24