von 20clarissa21
Beide Schwestern heirateten nach dem Krieg, Martha lebte ihr Leben mit Mann und Sohn in mehreren Städten in den USA und kam immer wieder auf Heimaturlaub.
Meine Mutter bekam mich und wurde jung Witwe. Für sie begann eine schwierige und kummervolle Zeit. Wir lebten ein paar Jahre am Land bei den Großeltern bis sie sich finanziell so weit erholt und uns aufgrund einer Pension erhalten konnte, und Wien mit einer passenden Wohnung ihr Leben hätte verändern sollen. Meine Mutter vereinsamte, blieb schwierig und wurde depressiv. Schuld an ihrem Unglücklichsein waren ihrer Meinung nach die Umstände, die Kindheitstraumata und überhaupt alles andere. Auf Vorschläge, wie ihre Situation zum Besseren verändert werden könnte, reagierte sie immer ungehalten, sie hätte nicht darum gebeten, lamentierte aber von sich aus immer wieder. Für mich war diese Mutter eine Belastung. Besonders in der Pubertät kam es zu heftigen Gefühlsausbrüchen, Diskussionen und Streit. Sie brachte sich aber, wie angedroht, doch nicht um, fand schließlich eine Psychiaterin und wurde mit Hilfe von Medikamenten verträglicher. Ihre Schwester teilte brieflich gute Ratschläge aus, die das Verhältnis der Schwestern eher beschwerten. Auch ein fast dreimonatiger Aufenthalt mit mir bei den “Amerikanern” endete mit Verdruss, brachte die Schwestern nicht näher, da sie über Vergangenes, Unbewältigtes stritten. Die Lebenswege und die persönlichen Verhältnisse waren zu unterschiedlich geworden.
Ihre einzige Tochter, ich, sollte alles für sie erfüllen. Was für eine Forderung. Ich hab es ziemlich hinkriegt, mit Studium, passendem Partner und Kindern, aber es hat mich auch sehr belastet und zu Angstzuständen mit Panikattacken geführt. Es hat Zeit und viele Gespräche von kompetenter Seite gebraucht, um da wieder raus zukommen.
Es ist nicht so, dass sie nicht auch gute, liebenswerte Seiten gehabt hätte. Sie konnte witzig sein, oft aber auf Kosten anderer. Waren das ihre Unsicherheit, ihre Komplexe, die sie zweifelsohne hatte? Sie konnte wunderbar Melodien pfeifen. Sie liebte klassische Musik, elegante Mode, Schmuck, ein gediegenes Heim. Dafür hat sie gespart, Geld investiert. Vom Reisen hat sie geträumt, ihr war aber das, was ihr im Fernsehen serviert wurde, angenehmer. War sie eigentlich ein ängstlicher Mensch? In ihrem Sinn hat sie mich gefördert, aber nicht wirklich erkannt, sie wollte durch mich etwas darstellen.
Sie war eine liebende Großmama, meine erwachsenen Kinder haben bei ihrem Begräbnis geweint.
Als sie sehr vergesslich wurde, habe ich alles getan, um sie gut versorgt zu wissen. Schließlich bekam sie eine Tag- und Nachtpflege. Sie verstarb im 89sten Lebensjahr. Ihre Schwester wurde 96, auch vergesslich, und bevor sie ins deutschsprachige Altersheim kam, ein Albtraum für meinen Kusin, der alles für sie tat, aber auch immer mit Misstrauen belohnt wurde. Das war wohl ein Erbteil väterlicherseits, das beiden Schwestern gemein war.
Pax !
© 20clarissa21 2022-12-12