Die Tagebücher des Todes – Januar II

Johanna Krug

von Johanna Krug

Story

Mit ihren Seelen gehe ich immer besonders behutsam um, ich nehme sie vorsichtig in meine Arme und schicke sie mit einer letzten sanften Berührung der Ewigkeit entgegen. Sie sind immer diejenigen, die am leichtesten ins Jenseits zu überführen sind, so voller Hoffnung auf etwas Besseres und voller Entschlossenheit, das Irdische hinter sich zu lassen. Besonders zerreißt es mir das Herz, wenn sie noch so jung sind, viele nicht viel mehr als Kinder. Ich habe eine besondere Schwäche für junge Verzweifelte, vielleicht, weil sie mich an mein früheres Selbst erinnern. Ich teile ihre Verzweiflung, auch wenn ich sie nicht zeigen darf. Aber jung bin ich nicht, schon lange nicht mehr, obwohl ich es mir manchmal wünsche. Ich erinnere mich noch daran, wie ich die ersten Seelen der Freitoten mitgenommen habe. Ich war jung, von ihrer Hoffnungslosigkeit überwältigt und verstört. Wie wenig ich damals von der Welt wusste. Und wie wenig ich geahnt habe, was noch auf mich zukommt. Inzwischen bin ich längst abgestumpft, nur die Kinder, die verzweifelten Kinder, brechen mir noch immer das Herz. Seht ihr, auch der Tod hat ein Herz. Ich wünschte, ich könnte dasselbe über die Welt sagen.

Und schon wieder bin ich zynisch. Ich neige dazu, den Teufel an die Wand zu malen; natürlich nur den metaphorischen. Wisst ihr, ebenso wenig wie ich in all den Jahren einen Gott getroffen habe, habe ich einen Teufel gesehen. Vielleicht hatte ja doch Nietzsche Recht. Ich jedenfalls bin während meiner Arbeit oft genug durch die Hölle gegangen, Gott oder Teufel habe ich dort aber nicht gefunden.

Eine kurze Aufzählung der irdischen Höllen:

  • Die Konzentrationslager 1945
  • Ost-China 1945
  • Hiroshima und Nagasaki 1945
  • (eigentlich das gesamte Jahr 1945 auf der ganzen Welt)
  • Europa 1349
  • Europa 536
  • Verdun 1915
  • Erde 79


Natürlich ist diese Aufzählung nicht vollständig, aber es sind die Orte, die mich noch immer verfolgen. Aber Gott und Teufel braucht ihr Menschen sowieso nicht, könnt ihr euch doch beides selbst sein.

Für dieses Jahr hoffe ich auf einen Neuanfang nach der Corona-Pandemie. Das letzte Jahr war noch davon bestimmt, aber ich habe große Hoffnungen, dass dieses es nicht sein wird. Aber vielleicht sollte diese Hoffnung mir Angst machen, denn wenn ich eines in den letzten Jahrtausenden gelernt habe, dann dass es nicht besser wird, nur anders. Eine Katastrophe reiht sich an die nächste und ich bin derjenige, der es ausbaden muss. Mehr Katastrophen, mehr Seelen, mehr Arbeit.



© Johanna Krug 2024-09-18

Buchkategorie
Romane & Erzählungen
Stimmung
Emotional, Reflektierend