Die Wiener Oper – eine Liebeserklärung

Pilar

von Pilar

Story

„Sie sind zum ersten Mal in der Oper? Aber Sie sind doch Wiener!“„ Ja aber Oper hat mich nie interessiert. Heute bin ich meiner Frau zuliebe da.“„Hat Ihnen die Aufführung gefallen, und werden Sie jetzt öfter in die Oper gehen?“„Ja, möglicherweise schon!

Die Pause ist vorüber und wir gehen wieder auf unsere Plätze. Ich denke: wie ist es möglich, dass man in Wien wohnt und erst mit mehr oder weniger vierzig Jahren zum ersten Mal die Oper in Wien besucht! Für mich unverständlich! Aber halt! Wie oft war ich am Fußballplatz? Wie oft war ich bei einem Motorradrennen als Zuschauer oder habe mir im Fernsehen ein Rad- oder ein Formel I-Rennen angesehen? Nie! Daher muss man differenzieren!

Ich wurde schon als Kind durch meine Mutter, die ein glühender Opernfan war mit dem Opern-Bazillus angesteckt. In den Sechziger-Jahren – ich war damals zwölf oder dreizehn Jahre alt – war unsere Informationsquelle das Radio. Bei Wunschkonzerten wurden immer wieder die bekanntesten und beliebtesten Opernausschnitte gespielt. So zum Beispiel der Gefangenenchor aus „Nabucco“von Verdi. In kürzester Zeit kannte ich die berühmtesten Opern und ihre Komponisten und meine Mutter prüfte mein Wissen regelmäßig ab und war mit meinem Wissen durchaus zufrieden.

In meiner Teenager-Zeit war ich fast täglich am Stehplatz der Oper. Nach einiger Zeit lernte ich die meisten Opernfans kennen. Da hatte jeder Fan seinen festen Platz, der von allen anerkannt wurde. Mit der Zeit bildeten sich spezielle Gruppen, die nach der Vorstellung diskutierten. Es gab hitzige Debatten über die stimmlichen Qualitäten er Sänger und Sängerinnen. Wenn ein besonders prominenter Star angekündigt wurde mussten wir uns auch für die Stehplatzkarten anstellen. Es ist sogar vorgekommen, dass ich mit anderen Gleichgesinnten eine Nacht im Schlafsack vor der Oper verbracht habe. Wenn die Kassa aufsperrte wollten wir die ersten sein um Karten zu ergattern. Nach einer Premiere wusste ganz Wien vom Taxi-Chauffeur bis zum Stammfriseur Bescheid über die Aufführung und jeder wurde zum Experten. Später in den 80-iger, 90-ziger-Jahren konnte ich nicht mehr so oft auf Stehplatz in die Oper gehen. Mann und Kind sowie Arbeit nahmen meine Zeit in Anspruch Nur ab und zu leisteten wir uns – mein Mann und ich – einen Opernbesuch. Alle Direktoren der Oper hatten neue Ideen und machten einen guten Job. Nur einen großen Fehler machten meiner Meinung alle. Sie engagierten prominente Regisseure von Film und Theater um Opern neu zu entwickeln. Manche von diesen Regie-Stars hatten keine Ahnung von den Opern, die sie neu aufstellen sollten. Sie hatten keine Ahnung vom Spirit der jeweiligen Oper. Hauptsache neu und progressiv! So wurden klassische Opern ihres Charmes und ihrer Dramatik beraubt und „verhundst“. Die einstige Stehplatzpartie war während der Zeit schon geschrumpft. Das Regietheater gab unserer Begeisterung für die Oper den Todesstoß.

Und dennoch und trotz allem! Ich lasse mir meine Liebe zur Oper nicht nehmen. Ich liebe meine Wiener Staatsoper!


© Pilar 2023-06-09

Buchkategorie
Anthologien