Die Zielperson

Maribel Honnen

von Maribel Honnen

Story


Ich habe den Antrag dreimal gelesen, bevor ich ihn unterschrieben habe. Nicht, weil ich Zweifel hatte, sondern weil ich wissen wollte, ob mein Name wirklich dort stand. Schwarz auf weiß. Als Antragstellerin. Als jemand, die töten dürfte. Der Sachbearbeiter war freundlich. Zu freundlich. Er bot mir Wasser an und erklärte mir die Fristen, die Prüfmechanismen, die Statistik: „Die meisten empfinden danach Erleichterung.“ Er sagte danach, wie andere nach dem Studium sagen. Ein Lebensabschnitt. Ich hatte mich mit 21 gegen die Immunisierung entschieden. Die Immus wirkten auf mich wie Menschen, die sich aus dem Spiel genommen hatten und dann behaupteten, sie hätten gewonnen. Unantastbar, ja. Aber auch festgelegt. Ich wollte mir die Möglichkeit offen halten. Nicht den Mord selbst – die Entscheidung.

Die Zielperson war Jonas.

Wir waren zusammen aufgewachsen. Gleicher Hof, gleiche Schule, gleiche Sommerabende auf dem Garagendach. Er war der Erste, der mir sagte, dass ich „zu empfindlich“ sei. Später der Erste, der meine Texte stahl und damit Karriere machte. Der Erste, der mir erklärte, warum das alles nicht so gemeint war. Ich hätte auch jemanden Fremden wählen können. Das war erlaubt. Aber ich wollte keinen Platzhalter. Ich wollte eine Geschichte. Die Genehmigung kam nach sieben Wochen. Ab da war alles anders. Jonas wusste nichts, aber ich sah ihn neu. Jede Bewegung war endlich. Jeder Satz bekam Gewicht. Manchmal fragte ich mich, ob das Töten nicht schon längst begonnen hatte. In meinem Blick, in meiner Stille. In den Netzwerken trendeten Listen: Top Gründe, sauberste Anträge, moralisch nachvollziehbar. Influencer erzählten von ihren Entscheidungen wie von Detox-Kuren. Politiker lobten die Transparenz. Die Unterhaltungsindustrie produzierte Shows, in denen Zielpersonen interviewt wurden, solange sie noch lebten. Alles war Inhalt.

Am Abend vor dem Termin saß ich vor Jonas’ Wohnung. Ich hätte klingeln können. Reden. Es war mir erlaubt. Aber Reden änderte nichts am Status. Genehmigt war genehmigt.

Ich ging nicht hoch. Stattdessen meldete ich mich am nächsten Morgen ab. „Nicht durchgeführt“, stand später in meiner Akte. Kein Makel. Nur ein offener Gutschein.

Wochen später traf ich Jonas zufällig. Er lächelte, erzählte von neuen Projekten, fragte, ob es mir gut gehe. Ich nickte.

Er weiĂź bis heute nicht, dass er verloren hatte. Oder gewonnen. Ich auch nicht.


Aber ich weiß, wer ich gewesen wäre, wenn ich es getan hätte.
Und wer ich bin, weil ich es nicht getan habe.


In dieser Welt war das die einzige Freiheit, die zählte.


© Maribel Honnen 2026-02-17

Genres
Romane & Erzählungen
Stimmung
Abenteuerlich, Dunkel, Emotional