Drahdiwaberl

SusiBock

von SusiBock

Story

Ein Opportunist ist ein „Jenachdemer“, sagte Wilhelm Busch. Ich finde diesen Ausdruck sehr schön, denn er beschreibt das Verhalten eines Opportunisten sehr treffend. Was er heute sagt, muss morgen keine Gültigkeit mehr haben. Eben je nachdem. Wie der Wind sich dreht. Wo der Vorteil liegt. Was halt gerade opportun ist, vor allem in der Politik.

Warum eigentlich, frage ich Sie? Was, bitte, haben die armen Politiker getan, dass man sie des Opportunismus bezichtigt und ihnen damit quasi grundsatz- und charakterloses Verhalten unterstellt? Was, bitte, können die schwer arbeitenden, kaum Freizeit habenden, völlig unterbezahlten Volksvertreter dafür, dass immer einer dagegen redet? Der dann vielleicht noch die besseren Argumente hat – sachliche oder finanzielle, je nachdem.

Ich muss an dieser Stelle eine Lanze für die Politiker unseres schönen Landes brechen und ihre Verdienste würdigen. Es ist schon sehr anstrengend, im Parlament keine bis zehn Reden pro Jahr zu halten. Bedenken Sie den Zeitaufwand! Die Rede, das kostet schon mal einige Minuten, um dem Sekretär oder der Pressesprecherin zu erklären, was er oder sie bitteschön schreiben soll. Dann muss sie Korrektur gelesen werden, das macht auch ein paar Minuten.

Und dann die Anstrengung am Tag der Rede: Pünktlich im Plenum sein, gemessenen Schrittes zum Rednerpult schreiten und mit donnernder Stimme die übrigen Parlamentarier, die sich schon auf einen ruhigen Tag gefreut hatten, aufwecken. Das sind 15 Minuten wirklich harte Arbeit, das muss auch einmal gesagt werden.

Was sie die übrige Zeit so machen, weiß ich nicht so genau. Oh ja, sie sitzen in Untersuchungs- und anderen Ausschüssen oder manche auch im Ministerrat, einmal die Woche. Dann besuchen sie viele Veranstaltungen, damit die Wähler sie nicht vergessen und sie Kontakte für die Zeit nach der Politik knüpfen können. Manche haben sogar noch einen Zweitjob, zum Beispiel Lehrer, denn die haben ja bekanntlich auch viel Zeit.

Damit Politiker ihre Zeit besser nutzen können, haben sie zumeist auch einen Dienstwagen samt Chauffeur. Das, finde ich, gibt ihnen erst das nötige politische Gewicht, wenn ihnen der Schlag geöffnet wird und sie ge-wichtig aus dem Wagen steigen können, als würden sie am roten Teppich zur Oscar-Verleihung schreiten. Das gibt ihnen auch die nötige Bewegungsfreiheit, die in einem riesigen Land wie Österreich unbedingt erforderlich ist. Das schadet auch der Umwelt nicht, denn es gibt ja E-Autos im Fuhrpark der Republik. Und schlussendlich beschränkt es den persönlichen Kontakt der Volksvertreter mit dem Volk auf ein Minimum. Gerade in Pandemie-Zeiten sollten gemeinsame Fahrten in Bus, Bahn oder gar Flugzeugen tunlichst vermieden werden. Oder wollen Sie die gesamte Regierung in Quarantäne sehen? Hm.

Ich finde Politiker bewundernswert. Und darum wundert es mich nicht, dass sie auch mal umfallen. Als Drahdiwaberl wird einem manchmal einfach schwindlig.

© SusiBock 2020-10-02

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