Drei Gläser

Nick_O

von Nick_O

Story

Am Ende unseres ersten Studienjahres entschlossen Karo, Max und ich uns spontan zu einer Venedigreise. Schon während der Zugfahrt kamen wir in eine ganz und gar gelöste Stimmung, die von der Urlaubsfahrt, aber auch von unserer speziellen Dreierkonstellation herrührte.

Im Hotel teilten wir uns ein Zimmer und redeten jeden Abend lange über alles Mögliche. Wir waren drei starke Individuen, die sich nicht gerne von etwas abhängig machten. So ergab sich nach und nach ein harmonisches Spiel zwischen uns. Wir waren wie Billardkugeln, die sich auf ihren Bahnen begegneten und berührten und jede Richtungsänderung genossen.

Nach dem Besuch der Friedhofsinsel San Michele saßen wir an einem heißen Abend kurz vor Sonnenuntergang in einem kleinen Lokal bei Orangensaft, Wein und Bier. Während des Tages hatten wir uns Kriminalgeschichten ausgedacht. In einer davon vergrub ein Mörder seine Leichen in frischen Gräbern, weil er das für das beste Versteck hielt. In einer anderen verwendete ein Gaunerquartett die musikalischen Fähigkeiten seiner Mitglieder als Tarnung. Am Tag musizierten sie am Markusplatz für Touristen, in der Nacht raubten sie Safes reicher Venezianer und Urlauber aus. In der letzten Geschichte waren wir selbst die Gauner. Zwei von uns zogen als Bonnie und Clyde durchs Land und einer war der unsichtbare Dritte, der uns mit seinen Verbindungen die Polizei vom Leib hielt.

Wir sinnierten noch über die Stärken und Schwächen unserer Geschichten und planten den nächsten Tag. In einer stillen Sekunde starrte jeder auf sein Getränk.

»Wir trinken alle etwas anderes«, sagte Max, »aber wir trinken es aus den gleichen Gläsern.«

Zwei weitere sprachlose Sekunden später begannen wir loszuprusten.

»Das sind eigentlich ganz schöne Gläser«, lenkte Karo das Gesprächsthema von Maxʼ philosophischem Anflug auf leichter verdauliche Fragen der Ästhetik. Wir stimmten Karo zu und fanden die in Wahrheit ganz gewöhnlichen Gläser in diesem Moment so schön, dass wir beschlossen, sie mitgehen zu lassen. Nachdem wir die Rechnung beglichen hatten, gaben wir die drei Gläser so vorsichtig wie möglich in Maxʼ Rucksack. Trotzdem machten die Gläser beim Hineingeben ein klirrendes Geräusch, das den Kellner aufblicken ließ. Schnell standen wir auf und gingen  um nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen  langsam bis zur Tür. Draußen liefen wir, ohne uns umzudrehen, so schnell wir konnten die Gasse hinunter und hinein in die Dämmerung. Erst nach ein paar hundert Metern lehnten wir uns vom Laufen und Lachen außer Atem an eine Mauer in einer unbeleuchteten Gasse. Der Kellner war nirgends zu sehen, offenbar hatte er uns nicht verfolgt.

Den Gläsern selbst, die immer noch in unseren Regalen stehen, ist der Zauber unserer Reise wahrscheinlich nicht anzumerken, aber hin und wieder stoßen sie die Erinnerung an, an unsere einmalige Venedigfahrt und an uns selbst, so wie wir waren.

© Nick_O 2019-04-29

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