von Weudl
Noch bevor ich das Licht der Welt erblicken durfte, gab es meine ältere Schwester I. Sie schulte Mama und Papa schon frühzeitig und zeigte ihnen wie das Windel wechseln, Fläschchen wärmen und das Prinzip des 30 Minuten Schlafes funktionierte. Nach zwei Jahren der niederschmetternden Tochterdiktatur durfte ICH folgen.
Die Vorteile eines Zweitgeborenen liegen ganz klar auf der Hand:
1. Die Eltern sind vorbereitet.
2. Die Großeltern wissen Bescheid.
3. Er/Sie lernt ALLES vom älteren Kind.
Zunächst erschien die Welt recht simpel und einfach. Gefüttert werden, schlafen, Windel befüllen und wieder von vorne anfangen. Gekonnt kam ich so durch die ersten beiden Lebensjahre ohne viel Aufmerksamkeit zu erregen.
Meine Schwester und ich teilten uns anfangs noch ein Zimmer. Es war super und aufregend zugleich. Aus der Tochterdiktatur entstand eine Tochtersohngesellschaft mit Mehrheitsbeteiligung.
1988 folgte dann das nächste Geschwisterchen. Nun waren wir 3 Kids. Von nun an durfte ich ein stolzer, großer Bruder sein. Eine Rolle, die mir bis heute geblieben ist, und die ich auch immer noch gerne ausfülle. M. so heißt meine zweite Schwester war und ist ein Wirbelwind sondergleichen. Baute ich aus Lego ein Schloss, zerstörte sie es freudig und ohne Gnade auf Verluste. Als Selbst und Fremdschutz bekamen meine Schwestern und ich eigene Zimmer. Gemeinsam spielten wir dennoch von nun an meinem Vater Streiche, lernten Buchstaben und schauten uns „My little Pony“ an.
4 Jahre später, 1992, folgte der vierte Streich meiner Eltern. Es gab schon wieder Nachwuchs und schon wieder bekam ich eine Schwester. Nach I., W., M., folgte nun C..
Mittlerweile war ich 8 Jahre alt und fragte mich:“ Was läuft hier eigentlich schief? Schon wieder eine Schwester! Spinnen die?“
Nach meinem anfänglichen Missverständnis für die Situation entwickelte ich rasch einen guten Draht zum Küken der Familie. Ich wickelte sie und ja mein stolzer Bruder Status schwoll eindeutig an.
Über die nächsten Jahre hinweg musste ich einige technische Niederlagen im Bezug auf meine Schwestern hinnehmen:
1. Stundenlang aufgebaute Legouniversen wurden liebend gerne von den krabbelnden Monstern des Hauses vernichtet.
2. Mittlerweile aß ich schnell und in riesigen Mengen, damit mir die 3 nicht alles weg futtern konnten.
3. Meine Freunde wurden zu ihren Freunden.
4. Das Sagen hatten eindeutig Sie und nicht ICH.
Fast drei Jahrzehnte später freue ich mich um so mehr. Meine Schwestern haben sich alle zu tollen, einzigartigen Menschen entwickelt. Und kaum fassbar aber wahr, wir verstehen uns immer noch sehr gut. Keinen einzigen Augenblick des Bruderseins möchte ich vermissen und seit 1992 würde ich auch keine Schwester mehr gegen einen Bruder eintauschen. Diese drei Damen haben mir das Fürchten gelehrt und gleichzeitig gezeigt, wie schön die Welt mit Schwestern ist. Vielen Dank ihr lieben Drei. Bis bald.
© Weudl 2020-09-21