Durchgeschimmert

Nora Beiteke

von Nora Beiteke

Story

Ralf Simonis schaute einen Moment zu lange auf die Bluse seiner besten Vertrieblerin, Elvira Neumann. Die weiße Bluse war leicht durchsichtig, und der BH darunter schwarz. Er sah darüber hinweg, dass Elvira manchmal etwas aus dem Rahmen fiel, denn sie hatte die besten Umsätze. Und eine tolle Vita, eine attraktive Frau mit Wirtschaftsinformatik-Abschluss. Mit einem Lächeln begann Elvira das Meeting. „Danke für Ihre Einladung. Lassen Sie uns über Ihre Anforderungen sprechen…“ das Publikum hing an ihren Lippen. Am Ende war er sicher, dass sie wieder einen Zusatzvertrag über das neue Modul abschließen würden.

Sie hatte ein beinahe unheimliches Gespür für Kunden und Kollegen. Wenn nur nicht immer wieder Sonderbares durchschimmern würde, wie ihr BH. Sie wurde öfter ein bisschen zu persönlich und etwas unprofessionell. Aber er wusste nicht, wie er es ansprechen sollte, ohne dass es ihm als Belästigung ausgelegt würde. Und ihre Produkt-Präsentationen und Verkaufsgespräche liefen immer exzellent. Er verdrängte es. Auch weil er sich gut mit Elvira verstand. „Sag mal Ralf, was hörst du eigentlich für Musik?“ Er erzählte, von seiner Vorliebe für Synthesizern. Von den besuchten Depeche Mode Konzerten. Sie hörte aufmerksam zu. Dann begann sie ihm ein paar Bands zu empfehlen. Sie plauderten immer wieder über Musik, dann über Bücher, über ihr Leben. Ihre fröhliche Art, ihr unbekümmerter Sex-Appeal wickelten ihn ein.

Bis sie ihn um Hilfe bat. „Kannst du mir mit der Schnittstellen-Anforderung des Industriekunden helfen?“ Er lächelte sie an. „Na klar, was gibt es denn?“ Sie zeigte ihm eine E-Mail. „Sie wollen eine Struktur mit ihren Beispieldaten von uns.“ Er zuckte die Schultern. „Die Optionen stehen doch in der Dokumentation?“ Sie wand sich. „Ich … habe etwas Probleme, die komplexen Beispiele anzupassen. Kannst du mir da helfen?“ Das sollte er nicht. Er tat es trotzdem. Doch es ließ ihn nicht los. Als Wirtschaftsinformatikerin sollte sie das selbst können und zwar mit links. Er hatte den Gedanke beiseitegeschoben, bis letzten Dienstag. Sie waren erneut bei einem Kunden, alles lief gut, sie wollten sich schon verabschieden. Da kam der Vorstand in den Raum, um sich kurz vorzustellen. Nichts Ungewöhnliches. Aber er starrte Elvira an, schien sich sichtlich unwohl zu fühlen. Verhaspelte sich und ging zu schnell wieder. Elvira reagierte in keinster Art und Weise darauf. Das war der letzte Anstoß. Er schaute in Ihr Zeugnis und rief die Universität an. Man kannte sie nicht, sie hatte nie dort studiert.

Er nahm sie beiseite. „Du hast nicht studiert Elvira. Was hast du wirklich gemacht, vor diesem Job?“ Sie schaute ertappt zu Boden. „Gekellnert.“ Er seufzte. „Ich will dich nicht feuern, ich will dich decken. Aber du musst mir die Wahrheit sagen.“ Sie schluckte. „Ich habe als Escort gearbeitet.“ Er schmunzelte, seine Gedanken bestätigt. „Ich denke, wir könnten zu einer Einigung kommen?“ Sie hatte verstanden, war erleichtert. Ein tiefer Blick. „Da bin ich mir sicher, Ralf.“

© Nora Beiteke 2024-04-15

Genres
Romane & Erzählungen
Stimmung
Abenteuerlich, Emotional, Mysteriös