Echo der Stille

Nadine L

von Nadine L

Story

Wir hatten gestritten. Warum genau, konnte ich nicht mehr sagen. Seine Stimme war laut, schneidend, wütend. Dann verschwand er. Ich blieb allein zurück, mit unserer kleinen Tochter, ihr Atem sanft, ihre Hände winzig in meinen, während mein Herz zersprang. Ich weinte leise, hielt das Handy, rief ihn an, flehte, aber nichts. Sein Schweigen schnitt tiefer als jede Wut. Die Stunden schleppten sich dahin, jede Minute schwer wie Blei. Ich saß im Dunkeln, hielt die Kleine fest und wartete.

Dann hörte ich endlich die Haustür. Er kam zurück. Mein Herz sprang hoch, Hoffnung und Angst gleichzeitig. Ich stand sofort auf, wollte reden, wollte ihn halten, wollte verstehen. Doch er sah durch mich hindurch. Wortlos holte er sein Bettzeug, ging direkt in das Kinderzimmer unserer Tochter und schloss die Tür von innen ab. Einfach so. Ohne ein Wort. Ich blieb draußen stehen. Erst starr. Dann brach etwas in mir. Ich spürte den kalten Boden an meinen Füßen, hörte meinen eigenen Atem zittern. Ich sagte, dass ich Windeln brauche, dass die Kleine bald wach wird, dass ich Angst habe. Keine Reaktion. Keine Bewegung. Nur Stille. Kalte, schwere, grausame Stille. Ich rutschte an der Tür nach unten, die Knie zitterten, die Tränen liefen ununterbrochen. Die Nacht zog sich wie ein endloser Tunnel. Ich war allein. Mit einem Baby. Mit Angst. Mit Schmerz. Mit seinem Schweigen, das mich fast erstickte.

Der Morgen kam. Irgendwann hörte ich das Schloss. Die Tür öffnete sich. Er trat heraus. Keine Miene. Kein Blick. Kein Wort. Als wäre ich Luft. Ich hob meine Tochter hoch, funktionierte weiter, weil ich musste. Er duschte. Verließ wieder das Haus. Ohne ein Wort. Ließ mich zurück wie etwas Unbedeutendes. Spät am Abend kam er zurück. Ich lag erschöpft im Bett, leer vom Weinen, leer vom Warten. Die Kleine schlief in ihrem Bett. Er legte sich wortlos hinter mich, schlang den Arm um mich, als hätte diese Nacht nicht existiert. Als hätte er mich nicht zerbrochen. Ich schloss die Augen, fühlte Erleichterung und Schmerz gleichzeitig. Ein bitterer Knoten im Herzen. Es war vorbei, die Stille gebrochen. Er war zurück, seine Welt wieder in Ordnung. Doch in mir brannte noch immer das Echo dieser Nacht, roh und brutal. Und es sollte nicht die letzte dieser Art gewesen sein.

© Nadine L 2025-12-07

Buchkategorie
Romane & Erzählungen
Stimmung
Dunkel, Emotional, Traurig, Sad
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