von S. Pomej
Manche meinen, man kann sich seine Freunde aussuchen, doch ich behaupte das ist eine Illusion. Man kann sich nur im Kreise von Nachbarn, Schulkameraden, Arbeitskollegen, Kommilitonen & Zufallsbekanntschaften -egal, ob live oder online – entscheiden, wen man öfter sehen und nĂ€her kennenlernen möchte, und dann auf Gegenliebe derer hoffen, mit denen einen das Leben zusammengewĂŒrfelt hat. Anfangs prĂ€sentiert sich jeder von der Schokoladenseite, daher greift man bei seiner eingeschrĂ€nkten Freundeswahl leicht daneben. Erschwerend kommt hinzu, dass es sich bei den meisten nur um Schönwetter-Freunde handelt. 2006 erzĂ€hlte z. B. eine Arbeitskollegin, sie hatte einen Brand in ihrem Wohnhaus, stand nachts nur notdĂŒrftig bekleidet mit den Nachbarn auf der StraĂe und tippte verzweifelt auf ihr Handy ein. Leider erreichte sie von ihren vielen Freunden keinen einzigen! Alle hatten nur den AB, die Mail-Box oder die Sprachbox aktiviert, also hoffte sie, dass die Feuerwehr den Brand löschen und das Haus retten konnte, da sie keinen Unterschlupf fand.
Aufgrund dieser Schilderung fragte ich V, eine meiner damals 2 besten Freundinnen, ob ich in so einem Ernstfall zu ihr kommen könne. Da meinte sie: âBei mir ist auch nur der Anrufbeantworter eingeschaltet, weil der Georg (ihr Gatte) braucht ja seinen Schlafâ – âIch auchâ, sagte ich. Dann erkundigte ich mich bei der andern (angeblich) besten Freundin M, ob sie mich nachts aufnehmen wĂŒrde. âDu kannst mich jederzeit anrufenâ, lĂ€chelte sie mich milde an, âaber nur tagsĂŒber!â Tja, diese Freundschaften schliefen dann schnell ein.
Bei mir Ă€ndert sich auch alle paar Jahre der gesamte Freundes- u. Bekanntenkreis. AuffĂ€llig ist, dass die Freunde, mit denen ich mich besonders gut verstehe, fortziehen. Es zieht sie magisch in die Ferne, eine Freundin verschwand nach Frankreich (der Liebe wegen), eine andere nach Deutschland wegen eines Job-Angebotes, ein Freund in die Schweiz usw. Dann gibt es noch jene, die vom Tod zu frĂŒh dahingerafft werden. Und dann gibt es noch die ehemals besten Freunde, die sich auf einmal wieder melden. So geschehen gestern um 21.48! Da rief mich M an, der offenbar fad war, und textete mich zu. âJa hallo, wie geht’s dir, meine Liebe! Lange nix von dir gehört. Ach, mir geht’s beschâŠ, mein Ex, ich glaub, den kanntest du noch, der ist wieder zu mir gekrochen, aber ich hab ihn abblitzen lassen. Bin doch keine Wiederauffangstation! Und den Job hab ich im 2. Lockdown verloren. Meine Ersparnisse sind aufgefressen, meine Katze ist tot und mit meiner Mutter hab ich mich wegen des Erbes vom Papa total zerstritten. Ist alles noch in der Schwebe, so eine Verlassenschaft kann dauern, sag ich dir. Was ist? Wollen wir uns wieder mal treffen?â
âBedaure, ich schreib grad an einem Krimi, da kann ich mich nicht mit dir amĂŒsieren. Alles Gute!â – Ich bin doch keine Wiederauffangstation!
© S. Pomej 2021-01-05