von Hannes Zeisler
Meine Zeit als Student an der Lehrerbildungsanstalt St.Pölten neigte sich dem Ende zu. Leider war ich auch wieder einmal mit meinem monatlichen Taschengeld von 20 Schilling am Ende. Da ich aber noch einige monetäre Verbindlichkeiten gegenüber von Kollegen hatte, entschloss ich mich, mich von ein paar Dingen zu trennen. So verkaufte ich meinen Hut, eine Krawatte, Schuhe und einige Bücher, um meinen Kassastand aufzubessern. Die Maturareise stand auch bevor und ich brauchte dringend Geld!
Am gleichen Tag kam nachmittag mein Russischprofessor zu mir in die Schule, holte mich beiseite und meinte in seinem nicht immer ganz einwandfreien Deutsch: “Zeisler, hast dir Zeit?” Als ich bejahte, sagte er: “Verbessern wir Maturaarbeit!” Ich war ziemlich perplex und war gespannt, wie das vor sich gehen sollte.
Dazu muss ich erläutern, dass ich bei ihm ziemlich gut angeschrieben war, weil mich die Sprache interessierte und ich auch die Hausübungen einigermaßen gewissenhaft machte. Es hatte sich zwischen uns eine Vertrauensbasis entwickelt und ich erledigte für ihn manche Dinge, wie das Besorgen von Medikamenten aus der Apotheke, als seine Familie erkrankte. Dann war ich ausersehen, ein russisches Gedicht bei einer Veranstaltung im sowjetischen Informationszentrum in St.Pölten vorzutragen. Den Inhalt habe ich zwar nicht ganz verstanden, aber ich erhielt als Anerkennung ein Buch geschenkt!
Nun begab ich mich an besagtem Abend zu Prof.L. in die Wohnung auf dem Rathausplatz in St.Pölten und wir machten uns an die Arbeit.
Wegen der Schummelei bei der schriftlichen Russischmatura waren die meisten Arbeiten meiner Kollegen natürlich sehr gut. Da unser Russischprofessor die Schwächen seiner Studenten nur zu gut kannte, war er sich im Klaren, dass da einiges nicht mit rechten Dingen zugegangen sein konnte! Als er die Arbeiten flüchtig kontrolliert hatte und erkannte, dass er nicht so viele gute Noten hergeben könnte, weil sie nicht dem Wahren Können entsprachen, meinte er: “ Ändern wir bei schlechten Schülern Wortstellung! Dann wir streichen viel rot an! Landesschulrat ( der die Arbeiten kontrollieren sollte) dann glauben, Note ist korrekt!” Es war anzunehmen, dass bei dieser Behörde auch nicht viele waren, die Russisch beherrschten!
Ich versuchte natürlich, so viele gute Noten herauszuschinden, wie es möglich war. Es gab dann einen Vierer, zwei Dreier, vier Einser (ich war auch dabei) und das andere Zweier. Somit schlossen alle Kollegen positiv ab und waren auch zufrieden!
Diese Aktion, glaube ich, war wohl einmalig in Österreich!
© Hannes Zeisler 2022-01-09