Ein Held ist furchtlos.

Viktoria Waba

von Viktoria Waba

Story

Was ist ein Held? eine Heldin? Was macht sie aus? Wenn ich jemanden diese Frage stelle, kommen oft dieselben Antworten:

Ein Held ist mutig. Ein Held ist stark. Eine Person, die für ihre moralischen Werte eintritt und dafür kämpft. Ein Held kämpft gegen das Böse, für eine bessere Welt. Helden reden nicht nur – Helden handeln. Ein Held ist furchtlos. Ein Held ist ein Vorbild, leitet uns durch Krisen, gibt uns Hoffnung und Kraft.

Das klingt doch alles wunderbar, alles sehr positive, kraftvolle Eigenschaften und Werte. Ganz verständlich, warum Franchise Unternehmen in Filmen auf das Heldentum aufbauen und warum nicht nur in Kindern, sondern auch in uns der Wunsch aufkeimt, ebenso großartiges zuleisten, ja vielleicht sogar einmal die Welt zu retten.

Doch viele vergessen bei ihren Beschreibungen die Essenziellste Zutat, die eine Heldin oder einen Helden ausmachen: Leid.

Heldinnen und Helden sind Menschen, die in furchtbaren Situationen gefüllt mit unvorstellbarem Leid gar nicht anders können, als für ihre Werte einzustehen und zu handeln. Im Gegensatz zu unserem Wunsch, ein Held oder eine Heldin zu sein, können sie es sich nicht aussuchen. Ein junger Soldat, der sich um seine Heimat zuschützen mit einer Brücke in die Luft sprengt, Stadtbewohner, die sich nicht kannten und nun von einem Tag auf den andern gemeinsam Molotowcocktails bauen, Krankenhauspersonal, das sich mit kleinen Kindern im Keller versteckt, während über ihnen Bomben expolodieren. All diese Menschen haben es sich nicht ausgesucht Heldinnen oder Helden zu sein. Jeder von ihnen wäre lieber in Sicherheit und bei seiner oder ihrer Familie.

Falls sie es überleben, werden sie mit Dankesreden, Ehrungen und Preisen überschüttet. Ihr Leben lang werden sie an ihre Heldentaten erinnert. Für die gefallenen Held:innen werden ihre Angehörigen diese Preise entgegennehmen. Mitfühlende Blicke, gefolgt von: ihr Kind, Bruder oder Schwester, haben unvorstellbares für dieses Land geleistet. Sie können sehr stolz sein.

Doch glaubt ihr wirklich, dass das erste Gefühl, das in diesen Menschen dabei aufkommen wird, Stolz sein wird? Dass sich die Helden:innen gerne an ihr Erlebtes erinnern? An die schlimmste Zeit ihres Lebens? Müssen wir sie ihr Leben lang an diese unfassbaren Momente erinnern?

Heldentum ist nicht schön. Keineswegs. Aber wir Menschen scheinen Held:innen zu brauchen. Heutzutage mehr denn je. Natürlich ist das nicht fair. Warum muss ein junger Mann sein Leben geben, warum müssen unschuldige Zivilisten ihr Land verteidigen? Wie kommen diese Menschen dazu? Wieso muss es dazu kommen?

Helden fürchten sich. Helden sind nicht immer stark. Helden weinen. Helden kämpfen für eine bessere Welt, nicht nur weil sie es wollen, sondern weil sie es müssen. Helden sind keine fiktiven Übermenschen oder griechischen Götter. Helden sind Menschen wie du und ich.

Ich wünsche mir, dass wir bald in einer Welt leben, in der wir keine Held:innen mehr brauchen werden.

© Viktoria Waba 2022-03-02

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