Tja, ich bin zwar in einem Wiener Gemeindebau aufgewachsen, aber ich war weit davon entfernt, die „Blume aus dem Gemeindebau“ zu sein. Ich war eher ein kleines Gänseblümchen das kaum jemand kannte. Im Hof zu spielen war mir streng untersagt. Am Weg zum Kindergarten, der sich in der Anlage befand, warf ich immer nur einen kurzen Blick auf die Klopfstangen, wo andere Kinder fröhlich „Ringerln“ liefen. Mein Bewegungsradius beschränkte sich auf den Weg vorbei an den Stiegen eins bis sechs. Die Gegend ab Stiege sieben war ein unbekanntes Land für mich.
Das änderte sich, als ich mit zwölf Jahren als Gitarristin in einem Orchester mitspielte. Unser Proberaum war just in den Räumlichkeiten des Seniorenclubs auf Stiege 17! Ich erinnere mich noch gut an das eigenartige Gefühl das ich hatte, während ich durch den unteren Teil der Anlage huschte. Vorbei an dem Spielplatz mit den Rutschen, den Schaukeln und den Tischen und Bänken. Obwohl es ja keinen anderen Weg gab, beschlich mich doch immer das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun.
Heute, mehr als 50 Jahre später ist genau diese Gegend ab Stiege sieben ein Ort, den ich nicht missen möchte, denn das Leben hat mich zu meinem Gemeindebau zurückgeführt. Ich spiele Mandoline in eben diesem Orchester. Und der Proberaum ist immer noch am selben Ort.
Heute husche ich nicht mehr zur Stiege 17, sondern ich treffe vor der Probe eine liebe Bekannte, die auf Stiege 10 wohnt. Sie bringt immer Kaffee mit und wir genießen es, an einem der Tische zu sitzen, den Kindern beim Spielen zuzuschauen oder über gemeinsame Bekannte (leider werden es immer weniger) zu plaudern. Wenn wir allein sind, hören wir einfach den Vögeln zu, denn die zahlreichen Vogelhäuser machen auch für sie den Spielplatz zu einem Ort des Wohlfühlens.
Die meisten neuen MieterInnen haben sichtlich Migrationshintergrund, und dieser kleine Platz ist ein wunderbarer Beweis dafür, dass Herkunft und Kultur kein Hindernis für ein friedliches und harmonisches Zusammenleben sind. Meist bringt irgendjemand Kuchen oder andere Köstlichkeiten mit und immer wird geteilt. Gleichgültig, ob man einander schon kennt oder nicht. Wer hätte gedacht, dass das unbekannte Land von einst ein Ort werden könnte, an dem ich mich so richtig zuhause fühle!
Nach der Probe gehe ich betont langsam durch die Anlage und bewundere die Minigärten, die MieterInnen liebevoll vor den Haustüren angelegt haben, und die je nach Jahreszeit ihr Gesicht verändern. Hier und da setze ich mich auf eine der Schaukeln, lasse mir den Wind um die Ohren und die Anspannung der Probe klingt langsam ab.
Bekanntlich gibt es eine Fernsehserie, die angeblich das Leben im Gemeindebau dokumentiert. Ich weiß schon, dass man sie mit einem Augenzwinkern sehen sollte, aber: Warum kann man nicht zeigen, wie schön es sein kann, wenn sich alle Bewohner wohl fühlen und gemeinsam dazu beitragen ihren Gemeindebau friedlich, hübsch und absolut lebenswert zu gestalten?
© Esther M. Djahangiri 2019-09-26