Gesellschaft öffne dich

Ida Manko

von Ida Manko

Story

Ein schmaler Grat

Gestern habe ich geheiratet. Ja, verdammt, ich habe es getan! Ich sage bewusst, ich habe es getan, verdammt, denn ich bin nicht darauf vorbereitet gewesen, dass ich es jemals tun würde. Es gibt keinen Grund, den ich nennen könnte. Ich meine, den gibt es schon. Aber es ist das übliche gesellschaftliche Spektakel unserer normgerechten Köpfe die es mir erschweren es zu beschreiben. Seien wir doch mal ehrlich, die Gesellschaft spaltet sich in mindestens zwei Gruppen und viele kleinen dazwischen. Es gibt die Befürworter des klassischen monogam und emotional gefestigten Modells der Beziehung. Es gibt solche, die sich bewusst dagegen stellen und für sich entdeckt haben, dass man von Hippies zumindest das Gefühl der Freiheit hat lernen können. Die kleinen Gruppen dazwischen setzen sich zusammen aus solchen Menschen wie dir und mir. Solche, die hinter dem Kleid der Klarheit auch Emanzipation, Feminismus, Sexualitätsausrichtungen aller Art, wenig qualitativ genutzte Lebenszeit und die Verschiebung der klassischen Lebensphasenmodelle tragen.

Ja, manch eine Generation, die heute noch lebt, scheint nicht nachvollziehen zu können, was die jüngste aller Generationen mit all den offenen Beziehungsmodellen treibt und solche die sich irgendwo zwischen diesen Generationen herumtreiben, ein Bier trinken und ihre Lebensbestimmung suchen sind oft solche, die hin- und hergerissen sind. Sie kennen beide Generationen, sie verstehen beides und sie fragen sich, was zum Teufel fühle ich eigentlich und warum richte ich mich danach oder danach?

Ich jedenfalls, habe im jungen Alter gedacht ich werde jung heiraten und viele Kinder bekommen. Ich werde die ideale Mutter sein. Ich brauche nicht mal zu arbeiten. Warum denn auch? Aua, sag das lieber nicht laut, die Blicke können Bänder sprechen, denn was wäre ich für eine Frau, die sich nur dem Haushalt hingibt? Als ich älter wurde, unverheiratet die Welt bereiste, viele Abschlüsse hinter mich brachte und lange genug arbeitete um zu wissen, dass ich gerne arbeite, dachte ich, ich würde niemals heiraten. Warum denn auch? Ich kann doch alles alleine, ich brauche niemanden. Aua, sag das lieber nicht laut, die Blicke können Bänder sprechen, denn was wäre ich für eine Frau, die sich nur der Arbeit hingibt?

Verdammt, die Zeit verflog und ich hatte Tage erlebt, an denen ich dachte, ich sei verloren. Ich sei wahrscheinlich irgendwie falsch in meinem Grundcode programmiert. Denn ich passte nirgends so richtig hin. Keine Sparte, keine Ausrichtung, keine Gruppe die sich aus A und B kreuzt und ihre eigene Mischung formt, denn tatsächlich fand ich alle Optionen annehmbar und wichtig.

Heute habe ich also geheiratet, mit 46 Jahren. Ich wünschte mir manchmal die nach außen gestellte Offenheit unserer Gesellschaft, würde wirklich wurzeln finden. Ein solch schmaler Grat zwischen Akzeptanz in Ablehnung für uns alle. Verdammt, ich habe geheiratet und das genau zur richtigen Zeit!

© Ida Manko 2022-06-27

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