Ich habe in meiner Erinnerungskiste gewühlt und halte jetzt eine Handvoll vergilbter, mit Bleistift geschriebener schwer lesbarer Tagebuchtexte und Briefe meines Vaters in Händen, gerettet in die heutige Zeit hinein.
Es sind Texte, geschrieben im Krieg und in der Kriegsgefangenschaft. Mein Vater hat nie darüber gesprochen. Ich weiß nur: Fünf Jahre war er im Krieg, inklusive Kriegsgefangenschaft. Er hat überlebt, ist zurückgekehrt, hat ein neues Leben angefangen, ist eine zweite Ehe eingegangen und hat mit seiner zweiten Frau eine neue Familie gegründet.
Wenn er nicht zurückgekommen wäre, gäbe es mich nicht. Müßig solche Gedankenreisen. Ich bin nun einmal da und halte jetzt ein Stück Vergangenheit in meinen Händen und überlege, was ich damit anfangen soll.
Eine Textstelle in einem Brief fällt mir besonders auf. Ich gebe sie hier wieder. Ein kleiner persönlicher Versuch gegen das Vergessen.
Aus einem Brief an seine Frau Margit, geschrieben an der Ostfront am 25.07.1944:
Ich sehe schwarz für die Zukunft. Wenn wir nur aus diesem verdammten Eck herauskämen, wenn da plötzlich etwas kommt, gehen wir alle nach Sibirien. Aber soweit kann es doch nicht kommen. Heute berichtet das Radio, daß in Italien das Standrecht verkündet sei. Das sieht schon aus wie Revolution. Es scheint doch so zu kommen, wie viele Leute es vorausgesagt haben, der Italiener wird noch umdrehen. Im Westen soll es furchtbar aussehen. Wir haben Kameraden aus dem Ruhrgebiet. Kein Haus mehr ganz. Bei manchen Angriffen zählen die Toten zu Tausenden. In einer Stadt sollen die Leute sogar das Bild des Führers und das Görings öffentlich verbrannt haben. Und dazu noch die große Schlacht hier im Osten. Alles Unglück trifft jetzt über uns zusammen. Ich sehe da keinen guten Ausweg mehr, es ist schon zu viel Blut geflossen, zu viel vernichtet worden. Wäre sehr neugierig, was so die Leute zu Hause von all dem halten. Zu blöde eigentlich, daß ich mich politisch betätigt habe, jetzt kannst du wohl aus meiner neuen politischen Uniform den Jungen Hosen machen lassen, zu was anderem wird sie nicht mehr gebraucht werden. Daß ich immer Pech haben mußte. Es regnet sehr viel, die Wege grundlos, heuer will gar nicht der richtige Sommer kommen. Und dieses düstere Wetter wirkt sehr bedrückend auf die Stimmung.
Mein Vater war Mitglied der NSDAP. Wie viele seiner Generation war er dieser Partei nicht ganz freiwillig mit sanftem Zwang beigetreten. Er war Lehrer. Er hätte sonst keine Stelle bekommen. Er hatte eine Frau und zwei Kinder zu versorgen. Nach dem Krieg hatte er Berufsverbot. Es war ein Fehler gewesen, sich politisch betätigt zu haben. Erst nach zwei Jahren, nachdem er durch die oben genannte Textstelle im Brief »weißgewaschen« worden war, durfte er wieder unterrichten.
Wie dieser Brief von der Front zu seiner Frau gelangt ist, ohne der Zensur zum Opfer gefallen zu sein, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass auf Wehrkraftzersetzung die Todesstrafe stand.
© Ulrike Puckmayr-Pfeifer 2020-09-17