von Ulrike Sammer
Erdställe sind eines der letzten Mysterien in Europa, die nicht vollständig ergründet sind. Anders als der Name glauben lässt, handelt es sich bei Erdställen nicht um unterirdische Tierställe, sondern um Gänge aus längst vergangener Zeit. Weil sie weithin einzigartig sind, wurden im niederösterreichischen Waldviertel die unterirdisch bestehenden Erdställe nach streng wissenschaftlichen Methoden untersucht. Ein Projektteam hat eine bauhistorische Dokumentation der Erdställe in Thaya und Kleinzwettl erstellt. Es gibt zahlreiche Hypothesen, wozu Erdställe gebaut wurden. Die Gänge sind relativ eng mit Rund- oder Spitzbögen. Sehr oft haben sie Sitzbänke, Nischen und Engstellen, durch die man sich durchzwängen muss. Im Schnitt sind sie zwischen 1,20 bis 1,60 m hoch und 50 bis 60 cm breit. Vermutet wurde, dass sie als Verstecke dienten, wobei sie in sich geschlossen sind und keine Verbindungen zu den Nachbarn haben. Wenn sie jedoch von Feinden entdeckt wurden, überlebten die Menschen darin meistens nicht. Wofür sie künstlich vom Menschen aus dem anstehenden Gestein geschlagen wurden, weiß man selbst nach jahrzehntelanger, internationaler Forschung nicht. Die Datierung der Erbauung ist schwierig, da die erzeugten Hohlräume selbst nicht datiert werden können, sondern nur darin gefundene Objekte. Man geht jedoch von einem Zeitraum vom 11. bis 13. Jahrhundert aus
Eine Hypothese vermutet aber, dass sie als rituelle Kultstätte errichtet worden sind. Es wurden in der Steiermark Kultgänge gefunden, die 10 000 bis 24 000 Jahre alt sind.
In einem dieser spindelförmigen Gänge unter der Kirche von Kleinzwettl war ich mit meinem Mann. Wir waren gemeinsam in manchen Erdställen, aber folgend ein Erlebnis, das mich absolut an den Rand meiner psychischen Kraft gebracht hat. Unter der frühgotischen Wehrkirche aus 1112 steckt eine große Besonderheit: ein Erdstall. Mitten im Kirchenraum muss man unter einem Teppich versteckt eine große, schwere Bodenplatte aufheben und darunter kommt ein Loch zum Vorschein. Um das Heben des Steines überhaupt erst zu ermöglichen, ist ein eiserner Ring angebracht. Durch den steckt man eine Stange, mit deren Hilfe zwei Männer den Stein hochheben können.
Ist man durch die enge Eingangsöffnung in völliger Dunkelheit geschlüpft, dann geht es genauso räumlich beschränkt weiter. Öfters liegt man flach auf dem Bauch und kriecht dahin, auch seitlich gekippt, mindestens aber gebückt. Alle 2- 3 m knickt der Gang wieder ab und führt leicht in eine andere Richtung. Höhepunkt ist dann eine Verzweigung, an der man sich entscheiden muss, ob man links- oder rechtsherum einem Kriechgang folgen will, der dann wieder zum Ausgangspunkt zurückführt.
Ich war nahe an einer Panikattacke, rundherum gab es Spinnen und Wuzeln. Ich keuchte und schwitzte. Ich bat meinen Mann mit mir zu reden. Das lenkte mich etwas ab. Mit letzter Kraft stieg ich wieder ans Tageslicht.
© Ulrike Sammer 2024-07-06