von Julian Brüne
Ne. Also das, was seine Tochter so machte, in einem Baumhaus mitten im Dschungel, nur eine Matratze und kein fließendes Wasser, das war nun wirklich nichts für Klaus, viel zu ungemütlich. Aber so ein richtig typisches Essen von den Eingeborenen, das könnte er sich schon mal vorstellen. Die Fotos, die Maja so schickte, sahen doch sehr appetitlich aus. Er legte das Smartphone zur Seite und genehmigte sich noch ein Schlückchen. Während die Sonne langsam unterging, fragte er sich, ob er die Möglichkeit verpasst hatte, auch mal so eine Fernreise zu machen? Bis auf die Nordsee und die Dolomiten hatte er noch nicht so viel gesehen, das stimmte schon. Aber das mit der Fliegerei war eh nicht so seins. Der Sessel im Wohnzimmer war immer schon recht eng und im Flugzeug war das ja noch kompakter, dazu seine steifen Knie. Jetzt wollte er einfach die Rente genießen, das ging doch auch ohne solche Sachen. Besonders wenn Monika ihm einen leckeren Snack zum Abendessen zauberte.
„Klaus, Schätzchen, ich habe ein neues Rezept für Nudelsalat ausprobiert. Ich hoffe, es schmeckt dir.“ Und wie es ihm schmeckte. Dieser Nudelsalat war die reinste Wonne, da gönnte er sich auch gleich einen fünften Teller. Glücklich schmatzend betrachtete er seine Monika. Was er doch für ein Glück hatte mit seiner Frau. Sah in ihrem Alter immer noch pfiffig aus, erst recht seit sie dieses Nordic Walking machte und zu Fuß zum Supermarkt ging. Monika war die einzige Frau, mit der Klaus je zusammen war, obwohl es in seinen jungen und wilden Jahren schon die eine oder andere Möglichkeit gegeben hatte. Aber Klaus bereute es keinen Moment, er genoss die Zeit mit Monika. Außerdem kochte sie lecker, wenn auch seit einiger Zeit vegetarisch und…wie hieß das andere noch? Vergano oder so? Auf jeden Fall ohne Fleisch. Das sei nun mal gut fürs Klima, hatte sie ihm erklärt. Klaus verstand nicht viel vom Klima, außer dass er es gerne angenehm warm hatte, wenn er auf dem Balkon seinen Whisky trank und den Sonnenuntergang anschaute.
Dass er auf seine geliebte Bratwurst verzichten musste, gefiel ihm allerdings nicht so sehr. Umso mehr freute er sich auf das Grillfest am Sonntag, da durfte er nämlich ausnahmsweise wieder seine Würstchen futtern. Dass er dies auch jeden Samstag im Theresieneck machte, wenn er mit Joachim Bundesliga gucken ging, erzählte er Monika natürlich nicht. Auch die legendäre Schnitzelparade, die er und seine ehemaligen Kumpel von der Maloche jeden Mittwoch beim Skat veranstalteten, verschwieg er lieber. So war es einfacher und das war Klaus am allerliebsten. Die vielen Jahre harte Arbeit unter Tage waren schwer genug gewesen. Ihm reichte es jetzt mit der Verantwortung. Nach der ganzen Plackerei im Stollen freute er sich nun auf einen entspannten Lebensabend.
Ich bin jetzt eben ein Genießer, dachte sich Klaus und genehmigte sich noch ein weiteres Gläschen. Die Sonne stand tief. Ob Monika den Nudelsalat wohl auch zum Grillfest mitbringen könnte?
© Julian Brüne 2022-06-25