Elisabeth

von Riccarda Niklis

Elisabeth ist immer furchtbar durcheinander. Die alte Dame ist letzte Woche 89 geworden und ihr ganzes langes Leben spukt in ihrem Kopf herum. Das ist, als wenn man immer mehr alte Fotos in einen Schuhkarton legt und versucht, den Deckel zu schließen. Irgendwann reißen die Kanten ein und die Wände wölben sich nach oben und außen. So muss es wohl in Elisabeths Kopf aussehen.

Ich parke das weiße Pflegedienstauto und schnappe mir die Medi-Box. Elf bei Regen nasse Eisenbahnschwellen, die nach all den Jahrzehnten immer noch nach Teer riechen, führen runter zu Elisabeths Haus am Fuße des Deichs. Ich wedle mit dem rechten Arm den Weg frei, um nicht in die Netze der Kreuzspinnen zu laufen. Elisabeths Haus ist komplett eingewachsen. Hohe Eschen, Ahorn und hüfthohe Brennnesseln und Brombeerbüsche umranken das Backsteinhäuschen. Frei ist nur der Weg zur rot lackierten Türe.

Da stehe ich meistens ein paar Minuten, bis Elisabeth die Holztreppe heruntergekommen ist und öffnet. Ein Schwarm Stare in den Bäumen erfüllt den Raum mit metallischem, knackendem Zwitschern. Ich stehe in einem norddeutschen Regenwald, umgeben von spritzigem Grün, nassen Blättern und Vogelstimmen. Eine große Kreuzspinne hat ihr Netz zwischen Türrahmen und Türe gespannt. Wie ein Blitz schießt sie zu der Fliege, die gerade hängengeblieben ist, als Elisabeth öffnet. Das Netz reißt und die Spinne schaukelt mit der gefangenen Fliege gegen den Türrahmen.

„Guten Morgen, Elisabeth“, sage ich zu der kleinen dünnen Frau: „Ich bringe die Tabletten.“ Sie lässt mich einen Meter in ihren Flur eintreten. Auf einem kniehohen Schränkchen liegen die leere Medi-Box, die Mappe mit den Leistungsnachweisen, drei Gläser Essiggurken in Dill und verschrumpelte Äpfel. Ich tausche die Boxen und unterschreibe. „Hast du die Vögel im Ahorn schon gehört? Das sind Hunderte!“ Elisabeth und ich treten fünf Schritte aus dem Haus.

Ihre Bluse hat Elisabeth heute Falschrum angezogen. Die Knopfleiste ist auf dem Rücken und über der Brust gibt’s eingetrocknete Kaffeeflecken. So stehen wir nebeneinander, schauen in den Himmel und lachen.