Enttäuscht

Wolfsiera

von Wolfsiera

Story

Ich hatte schon immer irgendwie Probleme damit, meine eigenen Gefühle eindeutig zuzuordnen. Zumindest solange ich denken kann. Naja… heute ist auf jeden Fall einer dieser Tage, an denen ich ganz genau weiß, was ich fühle: reine Enttäuschung.

Es ist verrückt, wie stumpf sich diese anfühlt, wenn sie alleine kommt. Ganz ohne Wut, Trauer oder Verzweiflung. Wie gleichgültig. Wie seichtes Niederschmettern: Ich fühle mich, als hätte man mich in Zeitlupe über die Schulter zu Boden geworfen und im Dreck liegen gelassen. Es tut nicht weh. Es ist nicht laut. Alles ist dumpf. Ich liege da und starre nach oben ins Nichts. Beobachte den aufgewirbelten Staub, wie er ganz ruhig und behutsam langsam wieder absinkt. Manche Teilchen fallen schneller, andere langsamer. Manche scheinen sogar wieder aufzusteigen. Es fühlt sich an, als würde ich diese Teilchen aus der Ferne beobachten und versuchen zu ordnen. Erinnerungsfetzen. Szenen des Vergangenen.

“Where did I went wrong“ – nach diesem Motto versuche ich zu erkennen wo es angefangen hat. An welchem Punkt hätte ich anders reagieren müssen, anders handeln müssen, etwas anderes sagen müssen, um dies nun zu vermeiden? Nein… Ich kann nichts finden. Keiner hat etwas falsch gemacht in dieser Situation. Es ist ein klassischer Fall eines Kommunikationsproblems, wie aus dem Bilderbuch: Sender-Empfänger. Keine der beiden Seiten macht etwas falsch, es wird einfach nur unterschiedlich wahrgenommen. Und trotzdem. Ich würde mich so schlecht fühlen, es klarzustellen und somit laut auszusprechen: “Eigentlich wollte ich fragen, ob du auch kommen würdest. Es würde mir viel bedeuten.” Nein. Das geht nicht. Ernidigend. Armseelig. Naiv.

Doch so sollte es nicht sein. Man sollte seiner Mutter so etwas doch sagen dürfen, oder nicht? Andere können das doch auch! Oder nicht…?

Das dumpfe Gefühl in mir bleibt. Ich schaue auf das Display meines Handys, auf welchem die Nachricht noch immer zu sehen ist. Völlig harmlos. Kein fieser Kommentar, keine Anschuldigung, keine Beleidigung, einfach eine völlig normale, nüchterne Nachricht, welche mich komplett hilflos in den Abgrund reißt. Welche mich an das bittere Gefühl erinnert, welches ich immer wieder zu verdrängen versuche. Sie ist einfach so. Sie kann nicht anders. Am Ende will ich nur sagen: pure Enttäuschung tut nicht weh. Sie ist stumpf, stumm, schwer, bedrückend und einsam. Sie macht taub. Alles wirkt grau.

Ich lege mein Handy zur Seite und atme durch. Das einzige, was meine Enttäuschung im Zaum hält und sie sich nicht mit Wut, Trauer oder Vorwürfen mischen lässt, ist meine reflektierte Sicht. Das Wissen, dass hier niemand die Schuld trägt. Ich werde mit ihr reden. Ich werde mich klarer ausdrücken, damit sie mich versteht. Und dann… Dann werde ich sehen wie sie reagiert und ab dann wird sich zeigen, ob es tatsächlich einen Grund zur Enttäuschung gibt, oder ob das ganze einfach nur in meinem Kopf ist.

… wie so oft.

© Wolfsiera 2022-05-31

Buchkategorie
Anthologien, Lebenshilfe
Stimmung
Dunkel, Emotional, Reflektierend, Traurig