von Erich Stöger
Es sind einige Jahre vergangen seit unserem schönen Wachau Ausflug. Natürlich sind zwischenzeitlich andere gefolgt, aber jetzt sitzen wir wieder im gleichen Gastgarten wie damals. Diesmal ist die Stimmung aber gedrückt. Die Jause schmeckt nicht so recht. Der Aufbruch zur Heimfahrt rückt näher. Sie wird diesmal aber ohne mich erfolgen. Mama, schon die ganze Zeit über still und betrübt, kann schlussendlich ihre heimlichen Tränen nicht mehr verbergen. Es herrscht nur Stille. Ob meine Geschwister die Situation auch als solche wahrnehmen, weiß ich nicht. Sie ist ja mir auch nicht wirklich bewusst. Ich bin fünfzehn und ich trete mit diesem Tag meine Lehre an. An sich sicherlich nichts Besonderes. Hat es dazumal gegeben und gibt es auch heute noch. Stunden vorher, im Lehrbetrieb, es herrscht „Bettennot“ fürs Personal, die Zimmer sind „Löcher“ und keine Heimstätten! Ich bin gezwungen vorübergehend im Vorraum des Küchenchefs auf einem Diwan zu schlafen. Ich bin nicht groß, aber er ist sogar für mich zu klein. Als Mama diese Umstände wahrnimmt, meinen Koffer abstellt und sich so umsieht, schrumpft, geplagt von der zukünftig fehlenden Fürsorge für mich, ihr Herz! Sie fühlt Schlimmes für mich. Wirklich Schlimmes! Der Abschied im Gastgarten des Heurigen ist aber dann auch mir sehr nahe gegangen. Wann sehe ich meine Geschwister wieder? Papa, der Einzige der Worte fand, sagte: An deinem ersten freien Tag werden wir dich holen. Er hat es gut überspielt, aber ich bin sicher, auch ihm hat es zu schaffen gemacht. Nun ja, und dann stehe ich sprichwörtlich „mutterseelenallein“ vor meinem Diwan und weiß eigentlich nicht wie es weitergehen soll. Wohin mit meinen Habseligkeiten? Wohin kann und muss ich mich wenden? Fragen über Fragen, und keine Antworten. Heimweh beginnt! Irgendwie hat sich aber alles ergeben. All das wäre heute unvorstellbar, aber damals war es so.
Mama war für uns Kinder die beste Mama, die man sich wünschen konnte. Natürlich gilt das auch für Papa. Aber Mama hat halt, den Umständen entsprechen mehr Zeit mit der Erziehung ihrer Kinder verbracht. Das war damals einfach so üblich. Vier Kinder zu ernähren und großzuziehen war ja für beide Elternteile nicht so einfach. Nur, wir Kinder kriegten davon nichts mit. So wie alle anderen Kinder im Dorf durften wir eine schöne Kindheit erleben, ohne uns nur über irgendetwas Gedanken machen zu müssen. Papa arbeitete hart und viel. Mama führte ihren Haushalt und wenn irgendwie möglich, zweigte sie den einen oder anderen Schilling für uns Kinder ab, kaufte uns mal ein Comicheft und auch Naschereien. Auch wenn sie nicht immer gleich auf jede Änderung rundherum reagierte, irgendwann gab sie immer nach und ich (wir) konnten schlussendlich unseren Willen durchsetzen. In meinem letzten Schuljahr kämpfte ich darum, meinen Rollkragenpullover unter dem Hemd zu tragen, wie alle anderen Burschen auch. Mama das ist Mode! Und ich durfte, wenn nicht gleich, aber bald! Es verging keine Woche, wo sie mir nicht immer wieder fünf Schilling in die Hand drückte und sagte: Kauf dir vor dem Nachmittagsunterricht eine Jause. Was ich nicht immer tat. Es wurde gespart und ein Karl May Buch gekauft. Ach ja, es gibt noch so vieles zu erzählen!
Aber das Abschiednehmen damals ist in mir so innerlich, als wäre es nicht schon ewig her.
© Erich Stöger 2023-11-18