Errungenschaften

Roswitha Springschitz

von Roswitha Springschitz

Story

„In meinen Kindheitserinnerungen ist der Zeitpunkt von Ereignissen natürlich nicht immer genau festzusetzen,“, meint Christian. „Es mag wohl einige Zeit vor der Winterolympiade 1964 in Innsbruck gewesen sein, dass sich meine Großmutter entschied, im Wirtshaus einen Fernseher anzuschaffen.“, setzt er fort. „Dieser wurde dann in der Gaststube, hoch oben im Eck, auf einem Regal platziert. Da es keine Fernbedienung gab, musste man ihn ein- und ausschalten und die Lautstärke regeln, indem man auf eine Stehleiter stieg. ‚Leiser!‘ oder ‚Lauter!‘, riefen die Gäste oft, und einer kletterte dann auf die Leiter und drehte an den Knöpfen … Es gab die beiden Programme ORF 1 und ORF 2, in Schwarz-Weiß zu sehen. Der Standort für die Antenne wurde tagelang ausgesucht, da die Sender über den Jauerling empfangen wurden und bei uns im Kremstal grundsätzlich schlechter Empfang war. Schließlich stellte man die Antenne auf einen kleinen Hügel und justierte sie: Einer drehte die Antenne und schrie hinunter, ins Wirtshaus: ‚Passt es so?‘ So wurde eine Weile herumprobiert, bis der Empfang gut war.

Alle im Ort kamen dann fernsehen, denn niemand hatte ein eigenes Gerät. So hatte meine Großmutter mehr Gäste; zum Beispiel an Freitagabenden, denn da wollten viele fernsehen. Nachrichten über Weltereignisse wie die Ermordung von J.F.Kennedy sahen wir im Wirtshaus, im Fernsehen. Und die Gaststube war dann voll …;

Eine andere Unterhaltungsmöglichkeit bekamen wir durch einen besonders gern gesehenen Gast: Dieser besaß einen tragbaren Schallplattenspieler, den er immer in einem Koffer ins Wirtshaus mitnahm. Da er anfangs nur eine Schallplatte besaß, hörten wir diese wochenlang. Jeder kannte so das entsprechende Lied natürlich in- und auswendig und viele sangen mit: ‚Marina, Marina, Marina …‘

Auch nur im Gasthaus gab es, im Gang, den einzigen Telefonanschluss in der Gegend, mit Zähler; dort konnte man, gegen Bezahlung telefonieren. Diesbezüglich erinnere ich mich an eine Ortsbewohnerin, deren Sohn in die USA, nach New Jersey, ausgewandert war und die zirka alle 2 Wochen im Wirtshaus seinen Anruf erwartete. Alle Gäste warteten mit…Klingelte dann endlich das Telefon, waren alle Anwesenden mucksmäuschenstill und verfolgten das Gespräch mit. In diesem ging es zumeist um das Wetter …

Eine andere Errungenschaft jener Zeit war eine Eismaschine mit einem Rührwerk, die meine Großmutter auf Kredit und überteuert erwarb. In der ganzen Wachau war zu jener Zeit italienisches oder selbst erzeugtes Eis der Renner, wovon der Vertreiber der Eismaschinen profitierte. Meine Mutter erzeugte mit dieser Eismaschine köstliches Speiseeis, in den Sorten Erdbeer (mit frisch gepflückten Walderdbeeren), Vanille und Schokolade. Wir Kinder warteten immer schon sehnsüchtig auf das Eis, das im Nu ausverkauft war.“


© Roswitha Springschitz 2026-04-17

Buchkategorie
Biografien
Stimmung
Emotional, Komisch, Informativ, Inspirierend, Reflektierend
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