Erster und letzter Friseurbesuch

Klaus Schedler

von Klaus Schedler

Story

Friseurbesuche mit Kindern sind oft eine Geduldsprobe. Nicht so bei uns: Ich war der Jüngste von drei Brüdern und wir bekamen alle der Reihe nach die Haare daheim in der Küche von Herrn Hochmöller geschnitten. Paul Hochmöller war ebenso alt, wie unser Vater und die beiden kannten einander vom Reichsarbeitsdienst und dürften nach dem Krieg ziemlich zur selben Zeit wieder daheim in der Textilindustrie Arbeit gefunden haben. Während unser Vater jedoch in Reutlingen die Ausbildung zum Textiltechniker machte, war Paul Hochmöller als Arbeiter tätig und besserte seinen Verdienst dadurch auf, dass er an Samstagen als Friseur arbeitete

Paul Hochmöller fuhr stets mit dem Rad in die Firma und parkte der Einfachheit halber sein Fahrrad bei uns unter der Treppe zum Garten. Meine Friseursitzungen waren reine Routine: Meist kam Herr Hochmöller nach einer Frühschicht, also um kurz nach 14:00. Die Mutter rief mich, ich setze mich auf den bereitstehenden Küchenstuhl, bekam den Umhang umgehängt und schon ging es los: Zunächst mit dem mechanischen Haar-Klipper (wohlgemerkt nicht „Clipper“, denn das waren Segelschiffe oder Pan-Am-Flugzeuge). War dann das Haar kurz genug, wurden noch mit der Schere die Konturen für die standardisierte Topf-Frisur geschnitten – und schon war man fertig. Alles preiswert und schnell. Wenn Herr Hochmöller so an uns herumschnipselte unterhielt er sich mit meiner Mutter, die sich währenddessen um den Abwasch kümmerte. So erfuhr auch ich manches Neue, weil der Herr Hochmöller war katholisch, kannte sich als Friseur bestens aus und wir waren evangelisch, aber genauso neugierig.

Ich dürfte etwa 5 Jahre alt gewesen sein, als ich erstmals in einem richtigen Friseursalon war. Wir wollten einen Familienurlaub machen und der sollte uns für zwei Wochen ins Sauerland führen. Am Tag bevor wir mit dem Firmen VW-Bus abgeholt wurden, durfte ich meinen Vater zu seinem Friseur begleiten: „Salon Udo Dolinger – Herrenfriseur“ stand auf einer Reklametafel vor dem Geschäft in der Brookstraße. Ich war mächtig stolz, als auch ich auf dem Frisiersessel platznehmen durfte und ebenfalls bedient wurde. Mein Vater und Udo Dolinger kannten einander seit der Schulzeit.

Jahrzehnte später war mein Vater bereits von Krankheit stark gezeichnet. Dennoch äußerte er den Wunsch, sich die Haare schneiden zu lassen. Ich war damals mit meiner Familie zu Besuch und natürlich kümmerte ich mich um ihn. Der Frisiersalon war längst nicht mehr in der Brookstraße, sondern in einem neuen Pavillon in der Nähe der evangelischen Erlöserkirche. Wie ich meinen Vater nun in den leeren Salon begleitete, bemerkte ich, wie Herrn Dolinger Tränen in die Augen drangen. Er behielt jedoch Haltung, bediente meinen Vater perfekt, doch musste er seine Tätigkeit mehrfach unterbrechen, um ins Nebenzimmer zu gehen. Als er zurückkam, sah ich, dass er geweint hatte.

Wenige Monate zuvor war der Herr Hochmöller verstorben. Mein Vater ist ihm dann bald nachgefolgt.

© Klaus Schedler 2021-05-05