Es hat geschneit!!! Darf ich mich freuen?

berührbarsein

von berührbarsein

Story

Morgendliches Aufwachen. Der erste Blick aus dem Fenster. Und da liegt er. Der erste Schnee in diesem Winter. Sofort kommt eine Freude in mir hoch. Etwas Kindliches ist das. Die Kleine in mir kann es kaum erwarten, hinausgehen, den Schnee noch näher erleben, ihn spüren. Doch darf ich mich überhaupt so freuen? Und gerade auch über etwas „Banales“ wie Schnee? Gehört sich das? Sollte ich nicht lieber etwas leisten und eine Aufgabe erledigen?Diese Fragen tauchen heute zum ersten Mal auf. Zumindest auf der bewussten Ebene. Denn was mich schon länger begleitet und mir vertraut ist, ist das Gefühl, meine Freude nicht richtig fühlen zu dürfen. Dabei zeigt es sich nur sehr subtil, Worte dafür zu finden, bedarf es auch einiger Augenblicke …. Ich nehme mir die Zeit.

Da ist ein Moment, der mir Freude bereitet. Irgendwo in meiner Körperin. Oft in meinem Herzraum. Die Empfindung möchte sich ausbreiten, möchte durch mich hindurchfließen. Nun kommt mein Verstand dazu. Er hinterfragt, versucht zu analysieren, ein Kommentar abzugeben. Es entsteht eine Art Blockade, wie ein Stöpsel, der festsitzt. Ich spüre, wie sich in meiner Körperin etwas verengt. Ich kann es in meinem Hals, rund um den Kehlkopf wahrnehmen. Mein Hals fühlt sich zugedrückt an und auch mein Herz wird schwer und eng. Die Freude kommt nicht weit, wird eingeschränkt in seiner Weite, in seinem Dasein.

Mein Verstand sagt: „Wer weiß, was passiert, wenn du ins wahre Fühlen gehst. Du könntest verletzt werden vom Außen oder abgewiesen werden, weil du fühlst und nichts tust.“ Mir darüber bewusst zu werden, schmerzt sehr. Da wäre es ein Leichtes, all das vergraben und im Stillen zu lassen.

Doch das Gefühl möchte fließen, sich ausbreiten und wahrhaftig zum Ausdruck gebracht werden. Es sprudelt in mir. Die Freude wünscht sich Raum. Ich kann es spüren.Mittlerweile weiß ich auch, was mit mir passiert, wenn ich den Stöpsel ziehe. Ich bekomme Platz. Der Raum in mir weitet sich. Die Enge im Hals und auch um mein Herz lösen sich. Entspannen sich. Ich werde weich. Ich erlaube mir, weich zu sein. Sanft und berührbar.

Sanft ist auch der Schnee unter meinen Füßen. Sanft gibt er nach unter meiner nackten Haut. Heute möchte die Kleine in mir etwas Neues erleben. Barfuß durch den Schnee. Die Vernunft darf zu Hause bleiben. Sanft ist der Schnee. Und zugleich gibt es das intensive Gefühl der Kälte in meiner Körperin, das von unten immer weiter nach oben steigt.Atmen. Auch diese Empfindung fließen lassen. Auch den Schmerz, der gerade mit den nackten Füßen im Schnee entsteht. Auch den Schmerz, der auftaucht, wenn ich bereit bin, den Stöpsel in meinem Hals zu lösen.

Ich spüre mich. Ich bin am Leben. Genau das ist es, was ICH am Ende sagen möchte: „Ich habe wahrhaftig gelebt. Ich habe mich gespürt und mir erlaubt, die Empfindungen und Gefühle da sein zu lassen.“

So hinterlasse ich Spuren des Lebens. Vielleicht stapft jemand ein Stück des Weges mit im Schnee.

© berührbarsein 2024-11-23

Buchkategorie
Lebenshilfe
Stimmung
Hoffnungsvoll, Reflektierend
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