Es läuft

Maria Brettschuh

von Maria Brettschuh

Story

„Frau Brettschuh“….

ich saß gerade beim Mittagessen in der neurologischen Tagesklinik, als mich der Ruf meines Namens erschrocken herumfahren ließ. Der Leiter der Station stand vor mir und sprach mit seiner tiefen Stimmen „Frau Brettschuh, bitte kommen sie morgen mit einer Begleitperson zur Befundbesprechung“! In diesem Augenblick fühlte ich die kalte Hand der Angst in mir hochkriechen. „Ok“ stammelte ich nur. Seit über einer Woche ging ich nun schon Tag für Tag in die neurologische Tagesklinik, jeden Tag zahlreiche, zum Teil sehr unangenehme Untersuchungen, besorgte, überaus nette Ärzte und Personal und die alles einnehmende Ungewissheit… WAS IST MIT MIR LOS?

Alles hatte vor rund zwei Jahren begonnen. Meine rechte Hand konnte plötzlich die Kaffeekanne nicht mehr alleine anheben. Na ja wird wohl die viele Arbeit am Computer sein. So ignorierte ich mich selbst und jedes weitere Anzeichen meiner Handschwäche, aus beruflicher und privater Überlastung. Bis ich nicht mal mehr die Kaffeetasse halten konnte und meine Unterarmmuskeln sich ständig unkoordiniert selbstständig bewegten. Ein Besuch beim Hausarzt und ich wurde sofort zum Neurologen überwiesen. Und das Rad begann sich zu drehen.

Jetzt saß ich hier und die Worte „, kommen sie morgen mit einer Begleitperson zur Befundbesprechung“ klangen noch in meinen Ohren. Nach einer durchwachten, gedankenerfüllten Nacht, machte ich mich mit meiner Schwester, bei der ich während der Untersuchungen wohnte, auf in die Klinik. Ich hatte ANGST, Angst davor, dass es sich bei meinen Beschwerden um Amyotrophe Lateralsklerose handeln könnte. Eine fortschreitendende Muskelerkrankung, bei der nach und nach die Verbindungsleitungen von Gehirn und Muskeln gekappt werden und man schließlich bei voller geistiger Klarheit zusehen kann wie der Körper jegliche Fähigkeiten verliert und zur Hülle wird. Die Lebenserwartung vier bis fünf Jahre ab Diagnosestellung.

Die Oberärztin kam und führte uns in den Besprechungsraum. Und dann hörte ich ihre Worte, „Frau Brettschuh, nach all den Untersuchungen, die wir gemacht haben, muss ich ihnen leider sagen, dass die Diagnose PRIMÄRE LATERALSKEROSE lautet (nicht amyotrophe lateralsklerose JUCHUIIIII) WAS IST DAS BITTE? Nun ja erklärte uns die Ärztin, diese Krankheit betrifft eigentlich genauso die Verbindungsleitungen zwischen Gehirn und Muskeln, die Zerstörung derselben geht nur viel langsamer und man kann auch sehr gut 70 Jahre und mehr werden. So komisch es klingen mag, ich war in diesem Augenblick so erleichtert. Ich musste meiner 36-jährigen Tochter und meinem Mann nicht erklären, dass wir nur mehr ein paar Jahre haben, ich hatte ZEIT und diese ZEIT würde ich mit guten sinnvollen Tagen ausfüllen. Einfach mal leben, mich selbst, meine Wünsche und Bedürfnisse nicht mehr ignorieren und irgendwoher kam der unpassende Gedanke aus meinem Innersten: ES LÄUFT.

© Maria Brettschuh 2021-02-17