Ewige Schwangerschaft?

rebella-maria-biebel

von rebella-maria-biebel

Story

Zwei Wochen vor dem Geburtstermin hatte sich die Kugel meines Bauches schon weit nach unten gesenkt. Die Bewegungsfreiheit war enorm eingeschränkt, lästig war er auch des öfteren, der bewohnte Bauch. Und doch. Wie schön war es, wenn sich das Lockenköpfchen meiner kleinen Grossen (immerhin bald 3 Jahre!) an den Bauch schmiegte, horchte, lächelte, dem Bauchwesen Geschichten erzählte. Und der grandiose Anblick der Bewegungen, wie sich meine Leibesmitte verformte, wenn Baby da drinnen Dehnübungen machte.

„Jetzt kommt’s bald raus, gelt?“ fragt mein Lockenkopf, aufgeregt, voller Vorfreude auf etwas noch nie Dagewesenes.

„Genau, es kommt bald raus, wenn es da drinnen fertig ausgebacken ist. Wollen wir dem Baby ein Lied singen? Vielleicht vom Sonnenschein, den es noch nicht kennt?“

„Stimmt, das kennt ja noch gar keinen Sonnenschein! Hab ich auch einmal keine Sonne gekannt?“

Ich erinnere mich daran, wie ich drei Jahre zuvor auch so einen schönen Babybauch hatte, und wie ich es kaum erwarten konnte, dass ich das Kleinchen endlich im Arm halten konnte. Diesmal ist etwas anders. Da steht schon mein wundervolles grosses Mädchen. Ihr hat es in meinem Bauch damals so gut gefallen, dass sie zwei Wochen verlängerte und dann ganz gemütlich herausspazierte. Göttin, welches Glück, sie dann endlich zu sehen, zu spüren, zu liebkosen.

Diesmal ist etwas anders, weil ich weiss, dass das meine letzte Schwangerschaft sein wird. Natürlich ist da auch eine Sehnsucht danach, Baby endlich zu sehen. Auch meine Füsse endlich wieder sehen können, weil ja auch der Bauch schon ordentlich lästig ist. Aber ich möcht meinen kleinen Bauchbewohner noch nicht hergeben. Ich möchte dieses Wunder noch weiter auskosten, dass ich einfach durch mein Sein, ein Wesen in mir mit dem Notwendigsten versorge. Dieses Wunder werde ich nicht noch einmal erleben. Und so sehr ich mich auf Babys ersten Schrei freue, da ist auch eine Menge Wehmut.

Ist ja irgendwie grad ideal. Ein Wonnebrocken wuselt da herum mit ihren klugen Fragen und dem kindlich-herzigen Lachen, nachdem sie mir zuvor monatelang diese Wunderzeit des in mir Wachsens und Werdens beschert hat. Das zweite Wesen ist noch versteckt, ich streichle meinen Bauch, wenn ich Baby streicheln mag. Ich erzähle Baby Geschichten ohne zu reden. Ich beruhige Baby,- und damit auch mich selbst – im Schaukelstuhl. Ich will es noch nicht hergeben, will kein Ende dieser letzten Zauberzeit…

Baby ist da anderer Meinung, und zwar ordentlich. Da hats eine enorm eilig, fast noch im Lift will sie heraus.

Als ich in die Rettung eingestiegen bin sah ich, wie mir meine Grosse mit hochroten Bäckchen nachschaute. Ja, alles wird anders sein, wenn ich wieder heimkomme mit Baby zum Anfassen. Wie schön. Und doch. Die Zauberzeit ist damit vorbei…

© rebella-maria-biebel 2020-02-05