von Sonja M. Winkler
Gestern erhielt ich den Beweis, dass ich mich nicht geirrt hatte. Es war tatsĂ€chlich Rudolf, den ich im beigen Audi sitzen sah. Das Auto stand in einer StraĂenausbuchtung auf dem 6 Kilometer langen Weg zwischen der Rosenburg und dem Stift Altenburg. Zuerst dachte ich, das kann nicht sein. Rudolf wohnt nĂ€mlich in Stuttgart, ist Feldenkrais-Trainer und fĂ€hrt nebenbei Taxi. Oder ist es umgekehrt? Was macht er hier im Waldviertel?
Derartiges passiert mir immer öfter. Meine Gedanken streifen absichtslos einen Menschen. Irgendetwas erinnert mich an ihn, und es vergeht kaum Zeit, bis das Schicksal eine zufĂ€llige Begegnung herbeizaubert. Im Fall âRudolfâ verstrichen lediglich zwei Tage.
Aber nun die Chronologie der Ereignisse:
Sonntag, den 9. 8., kam ich auf der Plattform der Matras-Warte* mit einem Ehepaar ins GesprĂ€ch. Sie erzĂ€hlten mit Begeisterung, was sie in dieser Ăsterreich-Woche alles erlebt hatten. Die Art, wie die beiden sprachen, die Satzmelodie, der schwĂ€bische Einschlag, all das erinnerte mich sofort an Rudolf. Ja, stimmt, sagten sie, sie seien aus Stuttgart, ich hĂ€tte das aber schnell herausgefunden. Ich kannte einmal jemanden, der in Stuttgart wohnt, antwortete ich.
Ich lernte Rudolf auf einem Therapie-Urlaub in Vornholz in der Steiermark kennen. Ich war dreimal in dort, 2003, 2004 und 2005. Rudolf hingegen hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, jedes Jahr zwei Wochen in der grĂŒnen Mark zu verbringen. Er flirtete mit mir. Er brachte mich zum Lachen. Es war diese Leichtigkeit, die mich anzog. In den Gruppentherapiesitzungen hielt er sich jedoch bedeckt. Im Sommer 2004 setzte ich mich in den Zug und besuchte ihn in Stuttgart. Als ich nach ein paar Tagen zurĂŒckkehrte, hatte sich die Anziehung verflĂŒchtigt.
Dienstag, den 11. 8., machte ich mich auf den Weg ins Kamptal. Ich war bei einem befreundeten PĂ€rchen eingeladen und hatte vor, den Anreisetag gemĂŒtlich zu gestalten, eventuell Stift Altenburg besichtigen. Auf der StraĂe dorthin sah ich den hellen Audi. Der Fahrer blĂ€tterte in einer StraĂenkarte. Schnauzbart, graumelierter Haarkranz. Er sah Rudolf zum Verwechseln Ă€hnlich. Ich hielt nicht an. Ich fuhr weiter.
Die Sache lieĂ mir aber keine Ruhe. Ich wollte Gewissheit. Nach Wien zurĂŒckgekehrt, kramte ich nach Rudolfs Emailadresse. Ich fand sie und formulierte eine knappe Nachricht.
Gestern kam seine Antwort in Form eines holprigen Gedichtes mit unreinen Reimen. Es wÀre gewesen vonnöten, ich hÀtt solln aufs Bremspedal tröten. Und: Er hÀtte mich so gern geknuddelt.
Welchen Reim soll ich mir darauf machen? Wen anderen du knuddel, ich mag kein Kuddelmuddel. Und wieder nehme ich ein Puzzleteilchen in die Hand, fĂŒge es ins Bild meines Lebens und bin sehr zufrieden.
* siehe Story âRasten, einrasten, ausrastenâ
© Sonja M. Winkler 2020-08-21